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Der Wiener Zentralfriedhof: Erst wollte keiner hin – heute wohl alle – und das zu Lebzeiten

A-Wien [SiSt24 Media] Heute gehört der Wiener Zentralfriedhof zu den bekanntesten Friedhöfen Europas. Drei Millionen Verstorbene, monumentale Ehrengräber, Jugendstilarchitektur und Geschichten aus mehr als 150 Jahren machen ihn längst selbst zur Sehenswürdigkeit. Dabei begann seine Geschichte alles andere als erfolgreich. Der neue Friedhof lag weit draußen vor Wien und war bei den Wienern wenig beliebt. Die Stadt griff schließlich zu einer ungewöhnlichen Form des Standortmarketings: Sie holte berühmte Tote nach Simmering.

Viel Platz für Tote, wenig Begeisterung bei den Lebenden

Wien wuchs im 19. Jahrhundert rasant. Die fünf seit 1784 bestehenden Kommunalfriedhöfe waren längst vom Siedlungsgebiet eingeholt worden und boten auf Dauer nicht genügend Platz. Die Stadt entschied sich deshalb für eine große Lösung: einen zentralen Begräbnisplatz weit außerhalb des damaligen Stadtgebiets.

Nach einem Architektenwettbewerb entstand der Zentralfriedhof nach Plänen von Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli. Am 1. November 1874 nahm die Stadt die Anlage offiziell in Betrieb. Als erster Verstorbener wurde der Privatier Jakob Zelzer beigesetzt. Sein Grab existiert noch heute.

Nur war der neue Friedhof kein Ort, zu dem es die Wiener sonderlich zog. Simmering lag weit außerhalb, die Anreise war beschwerlich und von der parkähnlichen Anlage, durch die Besucher heute spazieren, war wenig zu erkennen. Selbst das Hauptportal bestand bei der Eröffnung noch aus einem hölzernen Provisorium, wichtige Gebäude waren nicht fertiggestellt.

Wien hatte einen Friedhof mit gewaltigen Reserven geschaffen. Nun fehlte nur noch die Begeisterung der Bevölkerung.

Wenn die Lebenden nicht kommen, müssen die Toten helfen

Die Stadt reagierte mit einer Idee, die man heute vermutlich als Standortmarketing bezeichnen würde. Der Gemeinderat beschloss 1881, berühmten Persönlichkeiten eigene Grabstätten auf dem Zentralfriedhof zu widmen. Dabei wartete Wien nicht darauf, dass genügend Prominente eines natürlichen Todes starben.

Bereits Verstorbene wurden auf ihren bisherigen Friedhöfen exhumiert und nach Simmering überführt.

Zu den berühmtesten Beispielen gehören Ludwig van Beethoven und Franz Schubert. Beethoven war seit 1827, Schubert seit 1828 auf dem Währinger Ortsfriedhof bestattet. 1888 wurden beide exhumiert und auf den Zentralfriedhof überführt. Auch Johann Strauss Vater und Joseph Lanner erhielten dort ihre neue letzte Ruhestätte.

Wolfgang Amadeus Mozart blieb dagegen auf dem St. Marxer Friedhof. Da seine genaue Grabstelle nicht bekannt ist, steht auf dem Zentralfriedhof lediglich ein Mozart-Denkmal zwischen den Gräbern anderer großer Komponisten.

Die Strategie funktionierte. Die Ehrengräber entwickelten sich zu einem Anziehungspunkt und Begräbnisse bekannter Persönlichkeiten wurden selbst zu öffentlichen Ereignissen. Wenn die Wiener schon nicht allein wegen eines neuen Friedhofs nach Simmering fahren wollten, konnte Beethoven offenbar überzeugendere Argumente liefern. Beschweren konnte er sich über seinen zweiten Umzug ohnehin nicht mehr.

Der lange Weg zum Zentralfriedhof

Prominente Bewohner allein lösten allerdings nicht alle Probleme. Auch die Erreichbarkeit musste verbessert werden. 1881 erhielt die Aspangbahn eine Haltestelle beim Zentralfriedhof, später folgte die Straßenbahn. Heute besitzt der riesige Friedhof gleich drei Haltestellen entlang der Straßenbahnlinie 71.

Die Verbindung zwischen dem „71er“ und dem Zentralfriedhof wurde in Wien so eng, dass „mit dem 71er fahren“ lange als makabere Umschreibung für den letzten Weg verstanden wurde.

Gleichzeitig entwickelte die Stadt die Anlage architektonisch weiter. Zwischen 1908 und 1911 entstand nach Plänen von Max Hegele die heutige Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus. Mit ihrer mächtigen Kuppel gehört sie zu den bedeutenden Jugendstilbauten Wiens und bildet heute den optischen Mittelpunkt der Hauptachse.

Drei Millionen Verstorbene auf 2,5 Quadratkilometern

Heute erstreckt sich der Wiener Zentralfriedhof über rund 2,5 Quadratkilometer. Etwa 330.000 Grabstellen befinden sich auf dem Gelände, rund drei Millionen Menschen wurden hier seit seiner Eröffnung bestattet.

Unter ihnen finden sich einige der bekanntesten Namen der österreichischen und europäischen Kulturgeschichte: Beethoven, Schubert, Brahms und die Strauss-Dynastie ebenso wie Schauspieler, Wissenschaftler, Politiker und Ingenieure. Auch Falcos Grab gehört inzwischen zu den Stellen, an denen regelmäßig Besucher stehen.

Doch gerade abseits der bekannten Ehrengräber wird der Zentralfriedhof interessant. Dort liegt beispielsweise das Familiengrab der Jellineks. Mercédès Jellinek gab einer der berühmtesten Automarken der Welt ihren Namen, ohne selbst als Konstrukteurin oder Unternehmerin etwas mit deren Entwicklung zu tun zu haben.

Andere Bereiche erinnern an die jüdische Geschichte Wiens, an orthodoxe Christen, Muslime und Angehörige weiterer Religionsgemeinschaften. Der Zentralfriedhof ist damit nicht nur eine Ansammlung berühmter Gräber, sondern ein ungewöhnlich großes Geschichtsbuch der Stadt.

Eine Luftfahrtkatastrophe kurz vor dem Ersten Weltkrieg

Leicht zu übersehen ist ein von hohen Lebensbäumen umgebener Gedenkort, der an eine der frühen Katastrophen der österreichischen Luftfahrt erinnert.

Am 20. Juni 1914 kollidierten bei Fischamend das k.u.k.-Militärluftschiff M.III „Körting“ und ein Farman-Doppeldecker. Beide Luftfahrzeuge stürzten ab, neun Menschen kamen ums Leben. Vier Tage später wurden die Opfer auf dem Wiener Zentralfriedhof gemeinsam beigesetzt. Während der Trauerfeier überflogen Flugzeuge den Friedhof und warfen Blumen auf die Grabstätte.

Was damals ein schweres Unglück war, geriet nur wenige Tage später in den Schatten der Weltgeschichte. Acht Tage nach der Katastrophe wurden am 28. Juni 1914 in Sarajevo der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen. Wenige Wochen später begann der Erste Weltkrieg.

Der kleine Gedenkstein auf dem Zentralfriedhof wirkt heute beinahe unscheinbar. Gerade deshalb gehört er zu jenen Orten, an denen ein Spaziergang über das Gelände plötzlich weit über Wiener Stadtgeschichte hinausführt.

Vom ungeliebten Gottesacker zum Ausflugsziel

Der Zentralfriedhof war kein historisch gewachsener Friedhof, sondern ein kommunales Großprojekt. Seine Entwicklung endete auch nach der Jahrhundertwende nicht. Insgesamt wurde die Anlage mehrfach erweitert. Im Zweiten Weltkrieg richteten Bomben schwere Schäden an; rund 12.000 Gräber und Hunderte Grüfte wurden zerstört, auch die Gebäude und die Kuppel der Friedhofskirche wurden getroffen.

Heute ist aus dem einst ungeliebten Friedhof ein Ziel für Besucher aus aller Welt geworden. Menschen kommen wegen Beethoven und Schubert, wegen Falco, wegen der Architektur oder auf der Suche nach weniger bekannten Geschichten. Andere nutzen die kilometerlangen Wege schlicht für einen Spaziergang.

Ausgerechnet die Abgeschiedenheit, die dem Zentralfriedhof bei seiner Eröffnung zum Problem wurde, gehört heute zu seinem Reiz. Mitten in einer Millionenstadt erstreckt sich ein riesiges, grünes Areal, in dem sich 150 Jahre Wiener Geschichte zwischen Grabsteinen, Alleen und Denkmälern entdecken lassen.

Dass die Stadt einst berühmte Verstorbene nach Simmering holen musste, damit sich die Lebenden mit ihrem neuen Zentralfriedhof anfreundeten, gehört dabei zu den kuriosesten Kapiteln seiner Geschichte.

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