Artenschutz im einst Personenschutz: Haus des Meeres Wien:

A-Wien [SiSt24 Media] Mitten im Wiener Esterházypark schwimmen heute Haie dort, wo während des Zweiten Weltkriegs die Flugabwehr untergebracht war. Das Haus des Meeres nutzt einen ehemaligen Flakturm aus den 1940er-Jahren und hat ihn über Jahrzehnte zu einem Aqua Terra Zoo ausgebaut. Hinter Aquarien, Tropenhaus und Aussichtsplattform steckt dabei eine ungewöhnliche technische Aufgabe: Ein Kriegsbau muss heute tonnenweise Wasser, moderne Haustechnik und tausende Besucher tragen.

Ein Flakturm wird zum Zuhause für Fische

Errichtet wurde der massive Betonbau 1943 und 1944 als Leitturm eines Wiener Flakturmpaares. Seine Wände erreichen stellenweise eine Stärke von rund dreieinhalb Metern. Nach Kriegsende verlor der Turm seine militärische Funktion. Verschiedene Nutzungen folgten, bevor 1957 die Geschichte des heutigen Hauses des Meeres begann.

Seitdem eroberte sich der Zoo Stockwerk für Stockwerk.

Was für Besucher heute selbstverständlich aussieht, stellt Planer vor ungewöhnliche Aufgaben. Aquarien bringen enorme Lasten in ein Gebäude, das zwar äußerst massiv gebaut wurde, aber nie für große Wasserbecken, moderne Aufzüge oder die technischen Anlagen eines Zoos vorgesehen war.

Jede größere Erweiterung verlangt deshalb eine genaue Auseinandersetzung mit dem historischen Bauwerk.

Neue Architektur vor historischem Beton

Besonders sichtbar wurde das beim großen Ausbau des Hauses. Vor dem alten Flakturm entstand ein moderner Vorbau mit rund 3.000 Quadratmetern zusätzlicher Fläche. Zwei neue Aufzüge, darunter ein Panoramalift, verbessern die Erschließung der einzelnen Ebenen. Auch die Dachbereiche wurden erweitert.

Dabei genügte es nicht, einfach neue Räume an den vorhandenen Beton zu setzen. Tragwerk, Brandschutz, Fluchtwege und Haustechnik mussten auf die besonderen Bedingungen des mehr als 80 Jahre alten Bauwerks abgestimmt werden.

Wie langlebig die ursprüngliche Technik teilweise war, zeigt ein bemerkenswertes Detail: Ein Aufzug aus der Entstehungszeit des Turms blieb bis 1997 in Betrieb.

Heute führt der Weg vom Eingangsbereich durch Aquarien und Terrarien bis hinauf zur Aussichtsplattform. Ausgerechnet ein Bauwerk, das einst zur Verteidigung gegen Angriffe aus der Luft entstand, bietet inzwischen einen der ungewöhnlicheren Ausblicke über Wien.

Photovoltaik in 56 Metern Höhe

Auch energetisch wird der alte Betonkoloss weiterentwickelt. Gemeinsam mit Wien Energie entstand in rund 56 Metern Höhe eine Photovoltaikanlage mit 202 bifazialen Glasmodulen.

Die Anlage erstreckt sich über etwa 800 Quadratmeter. Bifaziale Module können Sonnenlicht auf Vorder- und Rückseite nutzen. Für die Anlage wird mit einem jährlichen Ertrag von rund 63.300 Kilowattstunden gerechnet.

Der darüber hinaus benötigte Strom stammt nach Angaben des Hauses aus Wasserkraft. Hinzu kommt eine begrünte Fassade.

Damit treffen auch hier zwei technische Epochen unmittelbar aufeinander: ein massiver Schutzbau der 1940er-Jahre und moderne Energie- und Gebäudetechnik des 21. Jahrhunderts.

Artenschutz hinter meterdickem Beton

Das Haus des Meeres beschränkt sich längst nicht auf die Präsentation exotischer Tiere. Nachzuchtprogramme gehören zu einem wesentlichen Teil seiner Arbeit.

Dazu zählen unter anderem Programme für Seepferdchen und Titicaca-Wasserfrösche. Eine besondere Rolle spielen auch mexikanische Kärpflinge. In mehr als hundert Aquarien werden rund sechzig Populationen gehalten, darunter stark gefährdete Bestände.

Unterstützt wird diese Arbeit durch die Forschungsgesellschaft „Haus des Meeres – Wissenschaft und Forschung“. Sie fördert wissenschaftliche Projekte und vergibt unter anderem Stipendien für Arbeiten zum Meeresschutz.

Damit erfüllt das Gebäude eine Funktion, die kaum weiter von seinem ursprünglichen Zweck entfernt sein könnte. Wo einst militärische Technik untergebracht war, werden heute Populationen bedrohter Tierarten erhalten.

Ein privat finanzierter Zoo

Hinter dem Betrieb steht eine gemeinnützige Struktur. Das Haus des Meeres finanziert einen großen Teil seiner Arbeit aus eigenen Einnahmen. Ergänzend spielen Spenden eine Rolle bei Tierhaltung, Nachzucht, Forschung und Umweltbildung.

Dabei setzt das Haus auch auf ungewöhnliche Formen der Unterstützung. Über einen digitalen Spendenkorb können beispielsweise konkrete Futterkosten für Tiere übernommen werden.

Das macht zugleich deutlich, welchen finanziellen Aufwand moderne Tierhaltung verursacht. Neben Futter und tiermedizinischer Versorgung müssen Wasseraufbereitung, Beleuchtung, Pumpen, Klima- und Filtertechnik rund um die Uhr funktionieren. In einem historischen Flakturm kommt die anspruchsvolle Gebäudetechnik noch hinzu.

Vom Aquarium bis zur Aussicht über Wien

Das Haus des Meeres befindet sich am Fritz-Grünbaum-Platz 1 im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Die U3-Station Neubaugasse liegt nur wenige Gehminuten entfernt.

Der Aqua Terra Zoo ist täglich geöffnet. Da sich Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern können, empfiehlt sich vor dem Besuch ein Blick auf die aktuellen Angaben des Hauses.

Wer alle Ebenen durchquert hat, landet schließlich dort, wo die militärischen Planer der 1940er-Jahre vermutlich am wenigsten mit Restaurantgästen gerechnet hätten: auf dem Dach. Dort befindet sich heute das Ocean Sky mit weitem Blick über Wien.

Gerade der Gegensatz macht das Haus des Meeres zu einem besonderen Ort. Der Flakturm wird weder versteckt noch zur bloßen historischen Kulisse. Seine massive Konstruktion bleibt überall sichtbar. Zwischen diesem Beton leben heute Haie, Reptilien, tropische Fische und bedrohte Arten.

Ein Gebäude, das für den Krieg errichtet wurde, dient damit acht Jahrzehnte später dem Erhalt von Leben. Viel stärker lässt sich ein Nutzungswandel kaum erzählen.

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