Schloss Belvedere – Geschichte & Kunst
A-Wien [SiSt24 Media] Das Obere Belvedere gehört zu den bekanntesten Bauwerken Wiens. Hinter der barocken Fassade treffen gleich mehrere Kapitel österreichischer Geschichte aufeinander: die Sommerresidenz Prinz Eugens, Gustav Klimts „Kuss“ und der Staatsvertrag von 1955. Seit 2024 wird die historische Außenhaut des Schlosses umfassend restauriert. Die Arbeiten an der Südseite sollen 2026 abgeschlossen werden.



Restaurierung einer barocken Fassade
Die Burghauptmannschaft Österreich und das Bundesdenkmalamt arbeiten seit 2024 an der Restaurierung der historischen Kalkputzfassade. Burghauptmann Reinhold Sahl bezeichnet das Vorhaben als eines der größten und bedeutendsten Sanierungsprojekte am österreichischen baukulturellen Erbe.
Begonnen wurde an der Nordfassade. In einer zweiten Bauphase folgte die Südseite zum Teichhof, an der die Arbeiten bis 2026 laufen.
Dabei geht es nicht darum, das fast 300 Jahre alte Schloss einfach neu anzustreichen. Schadhafte Bereiche des Überriebs werden entfernt und ergänzt, Natursteinelemente an der Dachbalustrade restauriert und historische Figuren ausgebessert.



Für die abschließende Beschichtung kommt Solsilikatfarbe zum Einsatz. Sie verbindet ein Erscheinungsbild, das zur historischen Kalkputzfassade passt, mit höherer Widerstandsfähigkeit gegenüber Witterungseinflüssen.
Anton Bruckner wohnte im Belvedere
Die Arbeiten beschränken sich nicht auf die repräsentativen Schlossfassaden. Auch der sogenannte Kustodentrakt wurde saniert und energetisch verbessert.
Mit ihm verbindet sich ein weiteres Stück österreichischer Musikgeschichte. Anton Bruckner verbrachte hier seine letzten Lebensmonate und starb am 11. Oktober 1896 im Belvedere. Anlässlich seines 200. Geburtstags ließ die Burghauptmannschaft im September 2024 eine Informationstafel anbringen.
Pressesprecher Christian Gepp beschreibt das Belvedere deshalb nicht nur als Baudenkmal, sondern als Ort des kulturellen Gedächtnisses. Tatsächlich haben sich in der Anlage über drei Jahrhunderte Architektur-, Kunst-, Musik- und politische Geschichte übereinandergeschoben.
Prinz Eugen baut sich eine Sommerresidenz

Errichtet wurde die Schlossanlage im frühen 18. Jahrhundert nach Plänen des Architekten Johann Lucas von Hildebrandt für Prinz Eugen von Savoyen. Der erfolgreiche Feldherr und Diplomat ließ zunächst das Untere und anschließend das Obere Belvedere errichten.



Zwischen beiden Schlössern entstand eine weitläufige barocke Gartenanlage mit Terrassen, Brunnen und Skulpturen.
Nach dem Tod Prinz Eugens wechselte die Anlage den Besitzer und gelangte schließlich an das Kaiserhaus. Maria Theresia erwarb das Belvedere 1752. Damit begann eine Entwicklung, durch die aus der privaten Residenz schrittweise auch ein Ort für die Präsentation kaiserlicher Kunstsammlungen wurde.
Diese Verbindung zur Kunst besteht bis heute.
Der „Kuss“ im Schloss Prinz Eugens
Das Obere Belvedere beherbergt heute die bedeutendste Sammlung österreichischer Kunst vom Mittelalter bis zur Moderne. International berühmt ist das Museum vor allem für seine Werke von Gustav Klimt.
Im Mittelpunkt steht „Der Kuss“ von 1908/09. Das großformatige Gemälde mit seiner charakteristischen Goldornamentik gehört zu den bekanntesten Kunstwerken Österreichs und zieht Besucher aus aller Welt ins Belvedere.



Daneben umfasst die Sammlung weitere Arbeiten Klimts sowie Werke unter anderem von Egon Schiele und Oskar Kokoschka.
Damit hat sich die Funktion des Gebäudes grundlegend verändert. Wo Prinz Eugen einst Gäste empfing und seine Stellung demonstrierte, stehen Besucher heute vor einigen der bekanntesten Werke der österreichischen Kunstgeschichte.



Zerstörung und Wiederaufbau
Auch das Belvedere überstand das 20. Jahrhundert nicht unbeschädigt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Obere Belvedere schwer getroffen. Weitere Schäden entstanden 1950 durch einen Brand, der Bereiche des Schlosses und historische Ausstattung zerstörte.



Der Wiederaufbau beschäftigte Restauratoren und Handwerker über Jahre.
Auch die Gartenanlage verlangt kontinuierliche Pflege. Zwischen 2005 und 2010 wurden die zwölf historischen Brunnen restauriert. Die Arbeiten orientierten sich am historischen Erscheinungsbild der barocken Gesamtanlage, die als Teil des historischen Zentrums von Wien zum UNESCO-Welterbe gehört.
Der Staatsvertrag im Marmorsaal
Seine wohl wichtigste politische Rolle erhielt das Obere Belvedere am 15. Mai 1955.
Im Marmorsaal unterzeichneten die Außenminister der vier alliierten Mächte und Österreichs den Österreichischen Staatsvertrag. Damit war die Grundlage für das Ende der seit 1945 bestehenden Besatzungszeit geschaffen.

Leopold Figls berühmte Worte „Österreich ist frei!“ fielen dabei in seiner Ansprache im Marmorsaal. Anschließend wurde der unterzeichnete Staatsvertrag vom Balkon des Oberen Belvedere der wartenden Menschenmenge präsentiert.
Die Kombination aus Figls Worten und den Bildern vom Balkon verschmolz später im kollektiven Gedächtnis zu einer einzigen Szene. Tatsächlich handelt es sich um zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Momente.
Ein Schloss mit mehreren Geschichten
Gerade diese verschiedenen historischen Ebenen machen das Obere Belvedere außergewöhnlich. Das Gebäude ist barocke Residenz, Kunstmuseum und Schauplatz österreichischer Zeitgeschichte zugleich.
Die laufende Fassadenrestaurierung betrifft deshalb mehr als die äußere Erscheinung eines Schlosses. Restauriert wird die Hülle eines Bauwerks, in dem Prinz Eugen residierte, Anton Bruckner seine letzten Monate verbrachte, heute Klimts „Kuss“ hängt und 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet wurde.



Knapp drei Jahrhunderte nach seiner Fertigstellung bleibt das Obere Belvedere damit kein eingefrorenes Denkmal. Es wird weiterhin genutzt, verändert und erhalten – während hinter der restaurierten Fassade täglich Besucher vor einem goldenen Kuss stehen und nur wenige Räume weiter österreichische Nachkriegsgeschichte greifbar wird.
