Blech unter Blätterdach: Ein Sonntag beim Festival of Classic Cars
SiSt24 Media Reichenschwand Manche Termine trägt man sich als Journalist in den Kalender ein, weil man muss. Diesen hier trage ich mir ein, weil ich will. Das Festival of Classic Cars auf Schloss Reichenschwand fand am 5. Juli zum vierten Mal statt, und wer die Veranstaltung kennt, weiß: Hier geht es weniger um Superlative als um Atmosphäre. Kein Messelärm, keine Drehkreuze, keine Hostessen mit Prospektstapeln. Stattdessen ein Schlosspark im Nürnberger Land, dazwischen Fahrzeuge, deren jüngste Vertreter älter sind als mancher Besucher, und ein Publikum, das sich Zeit nimmt.

Ein Sommerableger mit Messe-Genen
Hinter dem Festival steht die Retro Messen GmbH aus Stuttgart, die auch die Retro Classics in Stuttgart und Essen sowie die Retro Classics Bavaria in Nürnberg veranstaltet. Das Treffen in Reichenschwand ist als sommerliches Gegenstück zur Bavaria konzipiert, die vom 6. bis 8. November 2026 wieder ihre Hallen auf dem Nürnberger Messegelände öffnet. Man könnte sagen: Im November gibt es das Thema mit Hallenbeleuchtung und Teilemarkt, im Juli mit Vogelgezwitscher und Grasgeruch. Ich weiß, welche Variante mir besser gefällt.



Das Konzept ist erfreulich unkompliziert. Besucher ohne Fahrzeug kommen kostenlos aufs Gelände, eine Anmeldung brauchen sie nicht. Wer mit dem eigenen Klassiker anreist, entscheidet sich zwischen zwei Kategorien: der lockeren Teilnahme, bei der das Fahrzeug einfach Teil der Kulisse wird, und dem Concours d’Elégance, bei dem eine Fachjury nach festgelegten Kriterien bewertet und die Sieger mit Pokal und Urkunde nach Hause fahren. Im Vorjahr fanden über 200 klassische Automobile den Weg in den Park, vom Vorkriegsmodell bis zum sportlichen Youngtimer, und zwölf davon durften sich am Ende prämiert nennen.
Die Kulisse macht den Unterschied
Schloss Reichenschwand liegt an der B14 zwischen Lauf und Hersbruck und dient heute als Hotel- und Tagungsbetrieb. An normalen Tagen parken hier Dienstwagen von Seminarteilnehmern. An diesem Sonntag sah die Wiese anders aus. Die Fahrzeuge standen nicht in militärischer Ordnung, sondern verteilten sich locker unter den alten Bäumen, so wie es sich eben ergibt, wenn Besitzer selbst entscheiden, wo ihr Wagen am besten zur Geltung kommt. Der eine sucht den Schatten, weil sein Lack aus den Fünfzigern die Julisonne nicht mehr so gut verträgt. Der andere sucht genau diese Sonne, weil Chrom nun einmal glänzen will.



Dazwischen Picknickdecken, Klappstühle, Foodtrucks. Wer schon einmal auf einem klassischen Oldtimertreffen war, kennt das Ritual der Benzingespräche: Zwei Fremde treffen sich an einer geöffneten Motorhaube und sind nach zehn Minuten per Du. In Reichenschwand funktioniert das besonders gut, weil das Treffen markenoffen ist. Der Vorkriegsbesitzer fachsimpelt mit dem Youngtimerfahrer, und beide lernen etwas. Markentreffen haben ihre Berechtigung, keine Frage. Aber die Mischung ist es, die solche Nachmittage interessant macht.







Concours d’Elégance: Wenn die Jury zweimal hinschaut
Der sportliche Teil des Tages gehörte dem Concours. Die Jury bewertet dabei nicht einfach, welches Auto am teuersten aussieht. Es geht um Originalität, um den Erhaltungs- oder Restaurierungszustand, um die Stimmigkeit des Gesamtbildes. Ein perfekt restauriertes Fahrzeug mit falschen Anbauteilen kann gegen einen unrestaurierten Originalzustand durchaus den Kürzeren ziehen, und das ist auch richtig so. Originalsubstanz gibt es nur einmal. Was einmal weggeschliffen, überlackiert oder gegen Nachfertigungen getauscht wurde, kommt nicht wieder.



Beobachtenswert ist jedes Jahr das Verhalten der Teilnehmer kurz vor der Begehung. Da wird noch schnell mit dem Mikrofasertuch über die Stoßstange gewischt, da verschwindet der Kaffeebecher hinter dem Vorderrad, da rückt jemand das Werksschild ins beste Licht. Andere lehnen demonstrativ entspannt am Kotflügel. Ich habe für beide Fraktionen Sympathie. Die einen nehmen den Wettbewerb ernst, die anderen wissen, dass Patina keine Bewertungskriterien braucht.
Der Blick nach unten: Warum Klassiker tropfen
Und damit zu einem Thema, das auf Hochglanzfotos gern fehlt, das einem beim Gang durch die Reihen aber zwangsläufig ins Auge fällt: der Blick unter die Fahrzeuge. Öltropfen unter einem Klassiker sind keine Schande. Sie sind Physik, Chemie und Konstruktionsgeschichte in einem.



Motoren aus den Dreißigern bis Siebzigern wurden mit Dichtungswerkstoffen gebaut, die aus heutiger Sicht rustikal wirken: Kork, Filz, getränktes Papier. Kurbelwellenabdichtungen waren oft keine Radialwellendichtringe moderner Bauart, sondern Ölschleuderringe oder Filzpackungen, die konstruktionsbedingt nie vollständig dicht sind. Dazu kommen Graugussblöcke und Aluminiumdeckel mit unterschiedlichem Wärmeausdehnungsverhalten, die sich über Jahrzehnte setzen, sowie Kurbelgehäuseentlüftungen, die schlicht ins Freie atmen. Ein solcher Motor verliert Öl. Er tat es 1965 ab Werk, und er tut es heute erst recht.
Verschärfend wirkt ein Punkt, den viele Besitzer unterschätzen: moderne Öle. Heutige Schmierstoffe sind dünnflüssiger und mit Reinigungsadditiven ausgestattet, die alte Ablagerungen lösen. Was jahrzehntelang als unfreiwillige Dichtmasse in den Kork gequollen war, wird ausgewaschen, und plötzlich tropft ein Motor, der vorher nur schwitzte. Wer seinem Klassiker etwas Gutes tun will, greift zu unlegierten oder mild legierten Ölen in der vom Hersteller vorgesehenen Viskosität und lässt die Finger von vollsynthetischen Leichtlaufölen. Der alte Kalauer, ein englisches Auto verliere kein Öl, sondern markiere nur seinen Standplatz, hat also einen belastbaren technischen Kern. Er gilt übrigens keineswegs nur für Fahrzeuge von der Insel.



Genau deshalb verdient eine Beobachtung aus Reichenschwand einen eigenen Absatz: Auffangwannen oder Bindematten waren unter den abgestellten Fahrzeugen praktisch nirgends zu sehen. Auf einem asphaltierten Messeparkplatz wäre das ein kosmetisches Problem. Auf einer Parkwiese ist es ein handfestes, denn Öl gehört nicht in den Boden, und schon geringe Mengen können erhebliche Mengen Grundwasser unbrauchbar machen. Die Bindematte kostet ein paar Euro, wiegt nichts und passt neben das Warndreieck in den Kofferraum. Dass sie in der Szene noch keine Selbstverständlichkeit ist, überrascht bei so viel Liebe zum Detail an anderer Stelle. Hier wäre auch der Veranstalter am Zug, eine freundliche Zeile in den Teilnahmebedingungen würde vermutlich schon reichen. Der Schlosspark hätte es verdient.
Für Besitzer bleibt der pragmatische Rat: Wanne oder Matte unters Fahrzeug, Tropfstelle beobachten, und wenn aus dem gelegentlichen Tropfen ein stetiges Rinnsal wird, die Ursache suchen. Eine schwitzende Ventildeckeldichtung ist Folklore. Ein undichter Kurbelwellensimmerring auf der Kupplungsseite ist irgendwann eine rutschende Kupplung, und dann wird es teurer als jede Matte.
Fazit: Kleines Format, große Wirkung
Das Festival of Classic Cars ist kein Großereignis und will auch keines sein. Genau darin liegt seine Stärke. Man kommt ohne Eintritt und ohne Anmeldung, schlendert zwischen Fahrzeugen hindurch, die anderswo hinter Absperrbändern stünden, und kommt mit Besitzern ins Gespräch, die ihre Autos nicht nur besitzen, sondern verstehen. Wer im November mehr davon will, findet auf der Retro Classics Bavaria in Nürnberg die Hallenvariante mit Händlern, Clubs und Teilemarkt. Und wer bis zum nächsten Sommer wartet, darf ziemlich sicher mit der fünften Auflage in Reichenschwand rechnen. Ich jedenfalls plane den Termin fest ein. Schon allein, um nachzusehen, ob bis dahin die ersten Bindematten auf der Wiese liegen.
