Mercédès Jellinek: Der Stern auf dem Wiener Zentralfriedhof
A-Wien [SiSt24 Media] Millionen Menschen fahren einen Mercedes, doch nur wenige wissen, wer hinter diesem Namen steckt. Keine Ingenieurin, keine Firmengründerin und nicht einmal eine begeisterte Autofahrerin gab der Marke ihren Namen. Es war Mercédès Jellinek, 1889 geborene Tochter des Geschäftsmanns Emil Jellinek. Ihr Vater war von ihrem Vornamen derart begeistert, dass er erst Autos und schließlich sogar sich selbst danach benannte.
Ein Mädchen gibt dem Automobil einen Namen
Mercédès Adrienne Manuela Ramona Jellinek wurde am 16. September 1889 in Wien geboren. Ihr Vater Emil Jellinek war Geschäftsmann, Diplomat und vor allem ein Mann, der früh erkannte, dass das Automobil mehr werden konnte als ein lärmendes Spielzeug für wohlhabende Technikbegeisterte.
Jellinek lebte zeitweise an der französischen Riviera und entwickelte sich dort zu einem begeisterten Automobilisten. Bei Rennen trat er unter dem Pseudonym „Monsieur Mercédès“ an. Mercédès war der Vorname seiner Tochter.
Der Name war keine Erfindung Jellineks. Mercedes war als spanischer Frauenname längst gebräuchlich. Er leitet sich von „merced“ ab und wird mit Gnade, Gunst oder Barmherzigkeit übersetzt.
Warum Emil Jellinek gerade diesen Namen so sehr liebte, lässt sich heute schwerlich vollständig rekonstruieren. Sicher ist dagegen, dass seine Begeisterung weit über die übliche väterliche Zuneigung hinausging.

Aus Mercédès wird Mercedes
Um 1900 arbeitete Jellinek eng mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft zusammen. Er verlangte nach leistungsfähigeren, leichteren und moderner konstruierten Fahrzeugen und bestellte eine größere Serie neuer Wagen.
Die Fahrzeuge sollten einen Namen tragen, der sich von den damals üblichen technisch klingenden Bezeichnungen abhob: Mercedes.
Am 22. Dezember 1900 wurde der erste Mercedes 35 PS an Jellinek ausgeliefert. Das von Wilhelm Maybach konstruierte Fahrzeug unterschied sich erheblich von den noch stark an motorisierte Kutschen erinnernden Automobilen seiner Zeit. Der Mercedes 35 PS gilt deshalb als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum modernen Automobil.
1902 wurde „Mercedes“ als Warenzeichen geschützt.



Die Automobilgeschichte hatte damit allerdings auch ein wenig Glück bei der Namenswahl. Hätte Emil Jellinek seine Tochter Lisbeth genannt, stünden heute möglicherweise Lisbeth C-Klassen vor deutschen Reihenhäusern, Geschäftsleute würden mit der Lisbeth S-Klasse zum Termin fahren und auf der Autobahn erschiene ein Lisbeth-AMG im Rückspiegel.
Technisch hätte das vermutlich nichts geändert. Die Marketingabteilung in Stuttgart hätte später allerdings erheblich mehr zu erklären gehabt.
Der Vater übernimmt den Namen seiner Tochter
Emil Jellineks Begeisterung für den Namen ging noch weiter. 1903 ließ er seinen eigenen Familiennamen offiziell in Jellinek-Mercédès ändern.
Damit entstand eine bemerkenswerte Umkehrung der üblichen Namensgeschichte: Nicht nur die Tochter trug den Familiennamen ihres Vaters, sondern der Vater nahm zusätzlich den Vornamen seiner Tochter in seinen eigenen Namen auf.
Emil Jellinek dürfte damit zu den wenigen Vätern gehören, die den Namen ihrer Tochter nicht nur im Herzen, sondern gleich amtlich im Familiennamen trugen.
Der Name Mercedes war zu diesem Zeitpunkt längst größer geworden als die Familie, aus der er stammte.
Und was fuhr Mercédès selbst?
Hier beginnt eine der kuriosesten Seiten der Geschichte. Ausgerechnet von Mercédès Jellinek selbst ist kein eigenes Automobil bekannt.
Während ihr Vorname auf immer mehr Fahrzeugen erschien und sich zu einer internationalen Marke entwickelte, spielte die junge Frau selbst in der Automobilgeschichte praktisch keine aktive Rolle. Sie konstruierte keine Fahrzeuge, führte kein Unternehmen und war auch nicht an der Entwicklung der Daimler-Wagen beteiligt.
Ihr Beitrag zur Geschichte bestand schlicht darin, einen Vornamen zu tragen, den ihr Vater liebte.
Mercédès heiratete 1909 in Nizza Karl Freiherr von Schlosser. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Elfriede und Hans-Peter. Nach der Trennung und späteren Scheidung heiratete sie 1926 den Wiener Bildhauer Rudolf von Weigl. Das gemeinsame Leben dauerte nur kurz: Weigl starb noch im selben Jahr an Tuberkulose.
Mit nur 39 Jahren gestorben
Mercédès Jellinek starb am 23. Februar 1929 in Wien im Alter von nur 39 Jahren. Sie wurde im Familiengrab der Jellineks auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.
Wer dort heute zwischen den berühmten Ehrengräbern unterwegs ist, kann die Grabstätte leicht übersehen. Sie befindet sich in Gruppe 59C und gehört nicht zu den offiziellen Ehrengräbern des Zentralfriedhofs.
Gerade das macht den Ort bemerkenswert. Auf einem Friedhof voller berühmter Komponisten, Politiker, Schauspieler und Wissenschaftler liegt eine Frau, deren eigener Lebensweg heute kaum bekannt ist, während ihr Vorname auf Millionen Autos durch die Welt fährt.
Vom Familiennamen ins Konzernarchiv
Auch persönliche Zeugnisse von Mercédès Jellinek haben überlebt. Fotografien und Dokumente aus ihrem Nachlass gelangten über ihren Sohn Hans-Peter Schlosser und später dessen Patenkind schließlich in das heutige Mercedes-Benz Classic Archiv.



Dort schließt sich ein ungewöhnlicher Kreis. Aus dem Vornamen eines 1889 in Wien geborenen Mädchens wurde zunächst der Deckname ihres automobilbegeisterten Vaters, dann die Bezeichnung eines Autos und schließlich eine der bekanntesten Marken der Welt.
Mercédès Jellinek selbst hatte davon vergleichsweise wenig. Ihr Name dagegen machte eine Karriere, die selbst Emil Jellinek kaum vorhergesehen haben dürfte.
Mehr als 120 Jahre später muss man nur auf eine beliebige deutsche Straße schauen, um zu sehen, wie nachhaltig seine Namensidee war.
Und irgendwo in einer alternativen Automobilgeschichte fährt gerade ein schwarzer Lisbeth-AMG mit Stern auf der Motorhaube vorbei.
