Schnoorviertel Bremen: Wie zu enge Gassen ein ganzes Viertel gerettet haben
Bremen [SiSt24] Wer durch das Schnoorviertel läuft, muss die Schultern manchmal einziehen. Die Gassen sind so schmal, dass zwei Menschen kaum nebeneinander passen, und genau das hat das älteste Viertel Bremens vor der autogerechten Stadtplanung des 20. Jahrhunderts bewahrt. Erstmals urkundlich erwähnt im 13. Jahrhundert, lebten hier über Jahrhunderte Flussfischer und Handwerker. Ihre Häuser aus dem 14. Jahrhundert zählen zu den ältesten der Stadt, 111 denkmalgeschützte Gebäude drängen sich heute auf engstem Raum.



Vom Kloster zum Verfall
Am Rand des Viertels stand einst ein Franziskanerkloster, von dem heute nur noch die Kirche St. Johann erhalten ist, eine der wenigen erhaltenen Ordenskirchen Norddeutschlands. Anfang des 20. Jahrhunderts geriet der Schnoor dann in eine Abwärtsspirale: Die engen Gassen ließen sich mit Automobilen nicht befahren, für die Stadtplanung galt das Viertel als rückständig, wohlhabendere Bewohner zogen weg. Was damals als Nachteil galt, wurde später zur Rettung: Weil niemand die Häuser abriss, blieb die mittelalterliche Struktur erhalten, während anderswo in Bremen historische Bausubstanz verschwand.



Neu entdeckt nach dem Krieg
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckte man den Wert der engen Gassen neu. Heute gilt der Schnoor als eines der am besten erhaltenen Altstadtviertel Norddeutschlands, manche Fassaden zeigen das bis heute deutlich, hier ein schiefer Balken, dort ein Fenster, das nicht ganz im rechten Winkel sitzt. Genau das macht einen Teil des Reizes aus.



Geschichten zum Anfassen
Wer mehr über die Bewohner von einst erfahren möchte, findet im Bremer Geschichtenhaus eine interaktive Zeitreise: Schauspielerinnen und Schauspieler in historischen Kostümen verkörpern Bremer Persönlichkeiten und lassen die Zeit vom 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert lebendig werden. Nur wenige Schritte weiter liegt das Packhaustheater, das in einem ehemaligen Lagerhaus ein wechselndes Programm aus Kabarett, Musik und Schauspiel zeigt. Beide Häuser sind in den vergangenen Jahrzehnten zu festen Anlaufstellen für Bremer Kulturinteressierte geworden, ohne dass der Schnoor dabei sein Flair als bewohntes Viertel verloren hätte. Wer Glück hat, trifft samstags sogar auf einen der seltenen Wochenmärkte im Viertel, dann duftet es zwischen den alten Häusern nach frischem Brot und Blumen.
Wohnen zwischen Kunsthandwerk
Im Schnoor wohnen bis heute Menschen, direkt über den kleinen Läden für Kunsthandwerk, Keramik und Schmuck, die sich in den Erdgeschossen der alten Häuser eingerichtet haben. Autos kommen hier ohnehin nicht durch, entsprechend ruhig geht es zwischen den schiefen Fachwerkfassaden zu. Wer durch die Gassen bummelt, sollte sich nicht am Kopfsteinpflaster stoßen und ruhig auch mal in einen der Hinterhöfe schauen, die man von der Straße aus kaum vermutet. Cafés mit wenigen Tischen im Freien laden zum Verweilen ein, besonders an Sommerabenden, wenn die Sonne noch lange über die Dächer scheint und die Gassen in warmes Licht taucht. Fotografen kommen dann meist wegen genau dieses Lichts vorbei. Wer nach dem Schnoorviertel noch weiterschlendern möchte, findet nur wenige Gehminuten entfernt mit der Böttcherstraße ein ganz anderes Bremen.



Nur wenige Gehminuten entfernt liegt die Böttcherstraße, das expressionistische Gegenstück zum gewachsenen Schnoor: dort ein einzelnes, in den 1920er-Jahren durchgeplantes Gesamtkunstwerk des Kaffeekaufmanns Ludwig Roselius, hier ein über Jahrhunderte gewachsenes Fischer- und Handwerkerviertel. Wer beide Ecken an einem Nachmittag verbindet, bekommt einen guten Eindruck davon, wie unterschiedlich historische Bausubstanz in derselben Stadt erhalten und interpretiert werden kann. Mehr zur Böttcherstraße gibt es in einem eigenen Bericht auf sist24-media.eu.
