Barocke Überraschung hinter schlichter Fassade: Die Hofkirche der Würzburger Residenz
Würzburg [SiSt24] Wer durch die Residenz Würzburg geht, rechnet nach Treppenhaus und Kaisersaal kaum noch mit einer weiteren Überraschung. Und doch wartet im Südflügel ein Raum, der viele Besucher überrumpelt: die Hofkirche, von außen kaum als Kirche zu erkennen, innen ein Rokoko-Feuerwerk aus Fresken, Stuck, Marmor und Gold auf denkbar kleinem Grundriss.
Neumanns überraschender Raum
Balthasar Neumann plante die Hofkirche zwischen 1735 und 1743 in einen ohnehin schon eng bemessenen Bauabschnitt des Südflügels hinein, ein architektonisches Kunststück, da für einen Sakralraum dieser Wirkung eigentlich deutlich mehr Fläche nötig gewesen wäre. Neumann löste das Problem mit einem ovalen Grundriss und einer geschickten Raumfolge aus Vorraum, Langhaus und Chor, die den begrenzten Platz optisch weitet, statt ihn spürbar zu machen.



Fresken, Stuck und Skulptur
An der Ausstattung arbeiteten dieselben Künstler, die auch die Prunkräume der Residenz prägten: Die Deckenfresken stammen von Johann Rudolph Bys und Johann Zick, den Stuck lieferte Antonio Bossi, dessen Formensprache Girlanden, Muschelwerk und Putten zu einer beinahe überbordenden Einheit verschmilzt. Ergänzt wird das Ensemble durch kostbare Altarbilder und Marmorarbeiten, sodass auf wenigen hundert Quadratmetern eine Dichte an Handwerkskunst zusammenkommt, wie sie sonst nur die großen Repräsentationsräume der Residenz bieten.
Die beiden Seitenaltäre gehen auf Entwürfe von Giovanni Battista Tiepolo zurück, demselben venezianischen Meister, der mit dem Deckenfresko über dem Treppenhaus für einen der bekanntesten Räume der Residenz verantwortlich zeichnet. Dass Tiepolo gleich an mehreren Stellen der Residenz künstlerische Spuren hinterließ, unterstreicht, wie eng die Ausstattung von Kirche und Prunkräumen künstlerisch miteinander verwoben war.

Kriegsschäden und Restaurierung
Auch die Hofkirche blieb von den Zerstörungen des 16. März 1945 nicht verschont, als ein britischer Luftangriff weite Teile der Residenz in Brand setzte. Fresken und Ausstattung wurden schwer beschädigt, die anschließende Restaurierung zog sich über Jahrzehnte hin und stützte sich auf historische Fotografien, erhaltene Fragmente und die genaue Kenntnis von Bys‘ und Zicks ursprünglicher Bildsprache. Heute ist der Raum wieder in einem Zustand zu erleben, der dem originalen Erscheinungsbild des 18. Jahrhunderts sehr nahekommt.
Ein Kirchenbesuch ohne Eintrittskarte
Anders als der große Rundgang durch die Residenz ist die Hofkirche in der Regel zu den üblichen Öffnungszeiten der Residenz zugänglich und im normalen Eintrittspreis für den Rundgang enthalten. Sie zählt zwar zu den kleineren Sehenswürdigkeiten des Hauses, wird von aufmerksamen Besuchern aber oft als eines der dichtesten und stimmungsvollsten Rokoko-Ensembles der gesamten Anlage beschrieben. Wer beides an einem Tag unterbringen möchte, plant am besten etwas mehr Zeit ein, als für die Residenz allein üblich wäre.
Praktische Informationen für den Besuch



Die Residenz und mit ihr die Hofkirche sind von April bis Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet, von November bis März von 10 bis 16.30 Uhr, mit Ausnahme einiger Feiertage wie Heiligabend, Weihnachten, Silvester und Faschingsdienstag. Für Gottesdienste und besondere kirchliche Anlässe können einzelne Öffnungszeiten abweichen, was bei der Planung eines Besuchs berücksichtigt werden sollte.
Weitere Informationen: www.residenz-wuerzburg.de



