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Disibodenberg: Wo Hildegard von Bingen ihre ersten Visionen aufschrieb

Auf einem bewaldeten Hügel über dem Zusammenfluss von Glan und Nahe, unweit von Odernheim am Glan, liegen die Reste eines Klosters, das man leicht übersehen könnte – und das doch zu den folgenreichsten Orten der deutschen Geistesgeschichte zählt. Hier, auf dem Disibodenberg, verbrachte Hildegard von Bingen fast vier Jahrzehnte ihres Lebens, bevor sie als berühmte Seherin, Komponistin und Naturkundige nach Bingen weiterzog. Heute stehen nur noch Mauerreste, Fundamente und ein paar rekonstruierte Bögen, doch wer sich Zeit nimmt, bekommt hier mehr Geschichte geboten als so manches komplett erhaltene Schloss.

Von römischen Spuren zum Doppelkloster

Schon im 1. bis 3. Jahrhundert gab es hier römische Siedlungsspuren, und im 5. und 6. Jahrhundert schenkten die Merowinger das Land dem Bistum Mainz, vermutlich mit ersten Baulichkeiten. Im 7. Jahrhundert bildete sich um die Klause des aus Irland vertriebenen Bischofs Disibod eine mönchsartig lebende Gemeinschaft – so überliefert es Hildegard von Bingen selbst in ihrer Vita des heiligen Disibod. Nach Verfall und Verlassen der frühen Anlage gründete Erzbischof Willigis von Mainz um das Jahr 1000 ein Kanonikerstift auf dem Berg. Zwischen 1108 und 1143 entstand daraus ein Benediktinerkloster, und genau in dieser Bauphase, im Jahr 1112, bezogen Jutta von Sponheim und die junge Hildegard die neu errichtete Frauenklause. Fast vierzig Jahre lang existierte hier ein benediktinisches Doppelkloster: Männer und Frauen lebten getrennt, aber unter einem Dach aus Glauben und Regel.

Zehn Altäre für den Adel

Von der einstigen Klosterkirche St. Nikolaus steht heute nicht mehr viel, aber ihre Grundrisse verraten, wie prächtig sie einmal gewesen sein muss. In den Seitenschiffen standen, ab dem Lettner nach links und rechts verteilt, jeweils fünf Altäre, gestiftet von Ritterschaft und Adel – geweiht unter anderem dem Heiligen Kreuz, den Aposteln Petrus und Paulus, dem Evangelisten Johannes, dem Apostel Andreas, dem Heiligen Jakobus, den vier Evangelisten gemeinsam, dem Heiligen Stephanus, der Heiligen Katharina, der Heiligen Maria Magdalena und schließlich allen Heiligen zusammen. Zehn Altäre also, jeder mit eigenem Stifter und eigener Geschichte – ein Hinweis darauf, wie eng das Kloster mit dem regionalen Adel verflochten war.

Zwei junge Frauen ziehen sich zurück

Zu Allerheiligen 1112 war das Kloster Disibodenberg eine einzige Baustelle, als drei junge Frauen als Inklusinnen aufgenommen wurden: die zwanzigjährige Jutta von Sponheim, die vierzehnjährige Hildegard sowie eine weitere, ebenfalls vierzehnjährige Jutta. Fast vierzig Jahre lang gab es von da an auf dem Disibodenberg ein benediktinisches Doppelkloster. Die Frauen lebten zurückgezogen in einer Klause am Rand der großen Klosteranlage, zunächst unter Juttas Leitung als Magistra. Ihre Gemeinschaft wuchs in 24 Jahren auf zehn Schwestern an. Nach Juttas Tod im Jahr 1136 wählten die Schwestern Hildegard zur neuen Leiterin. Sie reformierte einige der strengen Vorgaben ihrer Vorgängerin und kürzte unter anderem die langen Gebetszeiten – ein früher Hinweis auf den eigenständigen Kopf, der später ganz Europa mit seinen Schriften beschäftigen sollte.

Ein Licht, saphirblau und feuerrot

Im Jahr 1141 empfing Hildegard die großen Visionen, von denen sie später in ihrem Hauptwerk „Scivias“ berichtete. Über die Dreifaltigkeit schreibt sie: „Alsdann sah ich ein überhelles Licht und in ihm die saphirfarbene Gestalt eines Menschen, die durch und durch von einem sanften rötlichen Feuer glühte. Und jenes helle Licht durchflutete ganz dieses rötliche Feuer und das rötliche Feuer ganz jenes helle Licht, und das helle Licht und das rötliche Feuer durchfluteten die gesamte Gestalt dieses Menschen, sodass sie ihrem Wesen nach ein einziges Licht in der einen Stärke ihrer Wirkkraft waren.“ Beim Niederschreiben half ihr der Mönch Volmar, der als gelehrter Schreiber fungierte, aber durch die Klostermauer von ihr getrennt blieb – ein kleines Detail, das viel über das strenge Regelwerk der damaligen Doppelklöster verrät. Ein zeitgenössisches Bild zeigt Hildegard selbstbewusst unter einem romanischen Bogen thronend, während fünf Feuerzungen des Heiligen Geistes auf sie herabkommen.

Vom Steinbruch zur Stiftung

Nach dem Weggang Hildegards 1147/50 blieb der Disibodenberg ein Männerkloster, doch der große Aufschwung war vorbei. 1259 übergab man das Kloster den Zisterziensern aus Otterberg, die im 13. und 14. Jahrhundert noch einmal umbauten und neu bauten. Danach ging es bergab: Der Pfälzisch-Zweibrückische Krieg zog das Kloster 1471 in Mitleidenschaft, 1504 wurde es im Pfalzgräflich-Bayrischen Erbfolgekrieg geplündert, und 1559 säkularisierte Herzog Wolfgang von Zweibrücken die Anlage im Zuge der Reformation. Der Dreißigjährige Krieg brachte 1620 die endgültige Verwüstung, unter anderem durch die Truppen des Generals Ambrosio Spinola. Ab 1724 dienten die ruinösen Klostergebäude schlicht als Steinbruch für den Wiederaufbau zerstörter Dörfer – wer heute durch die Region fährt, läuft vermutlich über Steine, die einst hier standen. Erst 1842 bis 1844 ließ der Hof- und Klostereigner Peter Wannemann die Ruinen freilegen und für Besucher herrichten. Zwischen 1985 und 1990 folgten systematische archäologische Grabungen durch das Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz. 1989 gingen die Klosterruinen in die neu gegründete Disibodenberger Scivias-Stiftung über, die den Ort bis heute betreut.

Praktische Infos: Die Klosterruine Disibodenberg liegt am Disibodenberger Hof 3, 55571 Odernheim am Glan, und ist über die Zahlung des Eintrittsgelds am Drehkreuz ganzjährig täglich zugänglich. Das dazugehörige Museum hat von April bis 1. November geöffnet, von Ostern bis Oktober samstags von 11 bis 18 Uhr und sonn- und feiertags von 11 bis 17 Uhr. Erwachsene zahlen 5 Euro Eintritt, ermäßigt (Jugendliche, Studenten, Gruppen ab zehn Personen, Menschen mit Behinderung, Rentner) sind es 4 Euro, Kinder unter 14 Jahren kommen kostenlos hinein. Wer öfter kommen möchte, bekommt eine Jahreskarte für 25 Euro. Im Museumshof gibt es bei schönem Wetter Kaffee, Tee und Kuchen, das Museum ist barrierefrei zugänglich.

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