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Böttcherstraße Bremen: Zwischen Kaffeeduft, Backstein und einer Sage über sieben Faule

Bremen [SiSt24] Auf den ersten Blick wirkt die Böttcherstraße wie eine hübsche, aber unauffällige Gasse zwischen Marktplatz und Weser. Auf den zweiten Blick merkt man: Hier hat jemand mit sehr viel Geld und einer sehr genauen Vorstellung ganze Arbeit geleistet. Der Kaffeekaufmann Ludwig Roselius, dem die Erfindung des entkoffeinierten HAG-Kaffees ein Vermögen einbrachte, kaufte die verwahrloste Handwerkergasse in den 1920er-Jahren auf und ließ sie zwischen 1922 und 1931 komplett umbauen. Aus schmuddeligen Hinterhöfen wurde ein expressionistisches Gesamtkunstwerk, das bis heute nichts von seiner Wirkung verloren hat.

Ein Kaufmann mit Sendungsbewusstsein

Roselius war kein Mäzen im klassischen Sinn, der Künstlern einfach freie Hand ließ. Er entwarf die Grundidee der Straße selbst mit und engagierte unter anderem den Bildhauer und Architekten Bernhard Hoetger, der der Gasse ihr unverwechselbares Gesicht gab: schmale Backsteinfassaden, kunstvolle Reliefs, enge Durchgänge, die sich überraschend zu kleinen Höfen öffnen. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg lag die Straße jahrelang in Trümmern, bis Roselius‘ Tochter Hildegard in zehnjähriger Arbeit die Fassaden originalgetreu wieder aufbauen ließ. Ohne sie gäbe es die Böttcherstraße heute vermutlich nur noch auf alten Fotografien.

Glockenspiel, Brunnen und ein Museum für eine einzige Künstlerin

Das bekannteste Wahrzeichen der Straße ist das Haus des Glockenspiels: Dreißig Meißner Porzellanglocken erklingen hier mehrmals täglich, während sich eine Fassadentafel dreht und Szenen aus der Geschichte der Seefahrt zeigt. Ein paar Schritte weiter erinnert der Sieben-Faulen-Brunnen von Hoetger an eine alte Bremer Sage von sieben angeblich faulen Bauernsöhnen, die es trotzdem zu Ruhm brachten. Wer es lieber museal mag, findet im Ludwig Roselius Museum historische Wohnkultur und im Paula-Modersohn-Becker-Haus, weltweit dem ersten Museumsbau für eine einzelne Künstlerin, Werke der Bremer Malerin. 2026 wird dort mit einer großen Sonderausstellung ihr 150. Geburtstag gefeiert.

Als die Straße fast abgerissen wurde

Ganz unumstritten war das Ensemble nie. In den 1930er-Jahren galt der expressionistische Baustil bei den Nationalsozialisten als „entartet“, die Böttcherstraße stand zeitweise kurz vor dem Abriss. Roselius reagierte pragmatisch: Er verfasste eine eigene Schrift, die die Formensprache kurzerhand als nordisch-germanisch umdeutete, und rettete die Gasse damit vor dem Bulldozer. Eine Geschichte, die zeigt, wie viel Auslegungssache Kunst sein kann, wenn genug auf dem Spiel steht.

Was man beim Bummeln nicht verpassen sollte

Heute reihen sich in der Straße Werkstätten für Keramik, Schmuck und Glaskunst neben kleinen Cafés und Galerien. Wer durch die engen Höfe geht, entdeckt immer wieder Details, die beim ersten Durchlauf übersehen werden: Reliefs, Wasserspiele, versteckte Treppenaufgänge, Inschriften, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Manche Bremer laufen seit Jahrzehnten hindurch und finden noch immer etwas Neues. Für Familien gibt es eine Schnitzeljagd durch die Gasse, bei der Kinder Hinweisen zur Geschichte der Häuser folgen. Das Glockenspiel erklingt zwischen Mai und Dezember mehrmals täglich, im Winter ergänzt um weihnachtliche Melodien, und auch am späten Abend, wenn die Fassaden beleuchtet sind, lohnt sich ein zweiter Rundgang.

Die Böttcherstraße liegt nur wenige Schritte vom Bremer Marktplatz und dem Rathaus entfernt, das seit 2004 zusammen mit dem Roland-Standbild zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Ein Eintritt wird nur für die Museen fällig, die Gasse selbst ist frei zugänglich. Nur einen kurzen Fußweg entfernt beginnt außerdem das Schnoorviertel, das älteste Viertel Bremens. Wer beide Ecken an einem Nachmittag verbindet, sieht Bremens Altstadt fast komplett. Mehr zum Schnoor gibt es in einem eigenen Bericht auf sist24-media.eu.

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