|

Nicht die Bühne dreht sich, sondern das Publikum

D-Lichtenau [SiSt24 Media] Elf Spielorte, kein einziger Umbau: Der Theater- und Kulturverein Burgoberbach schickt seine Zuschauer in der Festung Lichtenau zu Fuß durch das Leben der Kaiserin Elisabeth. An diesem Wochenende laufen die letzten Vorstellungen.

Es gibt Theaterabende, an denen die Pause der heimliche Höhepunkt ist. Nicht wegen des Sekts, sondern weil man zuschauen darf, wie vier Männer in schwarzen T-Shirts eine Wand über die Bühne wuchten und dabei so tun, als sähe man sie nicht.

In Lichtenau fällt das aus. Die Bühnenarbeiter des Theater- und Kulturvereins Burgoberbach hatten Feierabend, bevor der erste Satz gesprochen war. Ihre Arbeit war zu diesem Zeitpunkt längst erledigt. Elfmal.

Elf Bühnen, ein Weg

„Auf den Spuren von Elisabeth“ nennt der Verein einen Theaterspaziergang, und das ist wörtlich gemeint. Nicht das Bühnenbild wechselt, sondern das Publikum. Elf Stationen, verteilt über das Festungsgelände, bestätigte der Verein im Gespräch. Wer an der nächsten ankommt, findet die Darsteller schon vor: in Position, im Kostüm, wartend. Ein Stück, in dem sich keine Drehbühne bewegt, sondern die Erde unter den Zuschauern.

Der Weg führt von der unbeschwerten Jugend in Bayern über den Wiener Hof bis nach Genf, wo 1898 alles endet. Über 50 Darstellerinnen und Darsteller sind beteiligt. Der Verein warnt vorab, und das nicht aus Koketterie: Suizid, Mord und Prostitution kommen vor, empfohlen ist der Abend für Erwachsene. Abgeschreckt hat der Hinweis niemanden. Hundert Karten waren zwei Wochen vor dem ersten Spieltermin verkauft.

Nachbau eines Holzschiffs mit Mast, Wanten und Steuerrad in der Festung Lichtenau
An Deck: Mast, gerefftes Segel, Wanten aus Tauwerk, Steuerrad und Schiffsglocke. Foto: SiSt24 Media

Ein Schiff für sechs Abende

Der Aufwand hinter dieser Konstruktion ist die eigentliche Geschichte. Elf Spielorte heißt elf Bühnen, elf Hintergrundwände, elf Aufbauten. Dazu ein Schiff, und zwar kein angedeutetes: Rumpf aus gehobelten Bohlen, Mast, gerefftes Segel an der Rah, Wanten aus Tauwerk mit hölzernen Sprossen, dazu ein Achterdeck mit Balustrade, Steuerrad und Schiffsglocke. Gebaut für zwölf Vorstellungen an sechs Abenden. Danach kommt der Akkuschrauber und dreht alles wieder zurück.

Ein Stadttheater würde für so etwas eine Machbarkeitsstudie beauftragen, einen Fördertopf anzapfen und eine Pressekonferenz zum Baubeginn geben. Hier haben Leute nach Feierabend Latten gesägt, ohne Bauantrag und ohne Bauleitung. Das ist kein romantisches Klischee über das Ehrenamt, das ist schlicht die Rechnung: Materialkosten, Wochenenden, Urlaubstage, für zwölf Aufführungen an zwei Wochenenden im Juli und August. Danach ist der Innenhof wieder ein Innenhof.

Wer sich fragt, warum jemand das tut: Es gibt keinen vernünftigen Grund. Es gibt nur Leute, die im Frühjahr anfangen, Texte zu lernen, Kostüme zu nähen und Hintergrundwände zu grundieren, und die im Juli mit Blasen an den Händen dastehen und sich freuen. Herzblut ist ein abgegriffenes Wort. In Lichtenau steht es in elf Aufbauten herum und fährt am Montag danach wieder auf den Anhänger.

Aufgebaute Theaterstation im Innenhof der Festung Lichtenau mit Gartenmöbeln und Kerzenleuchtern
Eine der elf Stationen, fertig aufgebaut und noch menschenleer. Foto: SiSt24 Media

Weltweit einmalig? Die Frage stand im Raum

Also habe ich nachgesehen, und die ehrliche Antwort lautet: Stationentheater ist kein Lichtenauer Patent. In Mödling bei Wien bespielt das „Theater im Bunker“ seit 1999 ein 930 Meter langes Stollensystem, alle 15 Minuten geht dort eine Gruppe los und trifft unterwegs auf ein Ensemble von rund 60 Spielern. In Kastellaun im Hunsrück führten die „Sponheimer“ ihr Publikum über sechs Stationen. In Burghausen gab es Freilicht-Stationentheater im Comic-Format.

Das macht Lichtenau kleiner? Im Gegenteil. Mödling spielt in einem Stollen, der ganzjährig zur Verfügung steht, betrieben von einem professionellen Theaterbetrieb mit Intendanz. Kastellaun kam auf sechs Stationen. Lichtenau kommt auf elf, gebaut von einem Laienverein, für sechs Abende, in einer Festung, die vorher leer war und hinterher wieder leer ist. Wer das Format kennt, weiß erst richtig, was hier geleistet wird. Und der Verein wiederholt es. Jeden Sommer, in wechselnder Form, in derselben Festung.

Ankleideraum der Kaiserin Elisabeth als Theaterstation in der Festung Lichtenau
Ankleideraum der Kaiserin. Foto: SiSt24 Media

Warum nicht gleich das Musical

Naheliegend wäre „Elisabeth“ gewesen, das Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay, 1992 im Theater an der Wien urauf­geführt. Die Truppe hätte es gern gespielt. Die Rechte liegen allerdings bei den Vereinigten Bühnen Wien, die das Stück international selbst lizenzieren, und der Weg für eine Laienbühne führt dort bestenfalls durch eine sehr enge Tür. Statt sich in dieser Grauzone zu bewegen, hat der Verein das Leben Elisabeths selbst erzählt und eine eigene Fassung geschrieben. Das ist juristisch sauber und dramaturgisch der interessantere Weg. Eine Dreh­bühne hätte man für das Musical ohnehin nicht gehabt.

Innenhof der Festung Lichtenau mit aufgereihten Stühlen und Kerzen vor der Vorstellung
Kurz vor Einlass: Stühle stehen, Kerzen liegen im Gras. Foto: SiSt24 Media

Das Praktische

Gespielt wird in der Festung Lichtenau, Von-Heydeck-Straße 1. Nach dem ersten Block vom 24. bis 26. Juli laufen an diesem Wochenende die letzten Vorstellungen: Freitag und Samstag jeweils um 18 und 20.30 Uhr, Sonntag um 17 und 19.30 Uhr. Der Eintritt kostet 21 Euro, der Vorverkauf lief seit dem 13. Juni über die Vereinsseite tuk-bob.de. Wie bei jedem Freilichttheater gilt: Das Wetter spielt mit oder eben nicht.

Festes Schuhwerk wäre keine schlechte Idee. Man legt schließlich den Weg zurück, den sonst die Kulissen machen.

Theaterrequisite am Mauerfuß der Festung Lichtenau
Requisite am Mauerfuß. Nicht jede Szene endet freundlich. Foto: SiSt24 Media

Fotos: SiSt24 Media / Stefan Siedler. Quellen: Theater- und Kulturverein Burgoberbach e. V. (tuk-bob.de), Markt Lichtenau, Theater im Bunker Mödling, Stadt Kastellaun.

Ähnliche Beiträge