Lügenmuseum Radebeul: Einigung mit Ablaufdatum
Zwei Jahre Rechtsstreit, ein Vergleich vor dem Oberlandesgericht Dresden, und am Ende bleibt ein Datum übrig: der 30. September 2026. An diesem Tag darf die Stadt Radebeul die Zwangsräumung des Lügenmuseums im Gasthof Serkowitz durchsetzen. Reinhard Zabka, der das Museum unter dem Künstlernamen Richard von Gigantikow seit 2012 in dem über 700 Jahre alten Gebäude betreibt, hat am 7. Mai 2026 seine Berufung zurückgezogen. Die Räumungsentscheidung des Landgerichts vom November 2025 ist damit rechtskräftig. Vier Monate bleiben, um eine Sammlung aus 17 Räumen, vier Archiven und vier künstlerischen Nachlässen irgendwo unterzubringen, die laut den Betreibern mehr wert ist als das Haus, in dem sie steht.

Um zu verstehen, warum dieser Streit so bitter geführt wird, lohnt ein Blick zurück. Nicht nur auf die Kündigung von 2024, sondern auf eine Künstlerbiografie, die in der DDR begann, durch halb Brandenburg wanderte und 2012 in Radebeul ankam, mit dem ausdrücklichen Segen genau jener Stadt, die heute die Räumung durchsetzt.
Der Mann, der sich selbst zum Museum erklärte
Reinhard Zabka wurde 1950 in Erfurt geboren, als Sohn von Flüchtlingen aus Schlesien und Ostpreußen. Er lernte Fernmeldemechaniker, fing dann an zu malen, mietete sich mit anderen Künstlern ein gemeinsames Atelier in der Erfurter Taubengasse und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch: Heizer, Gärtner, Passbild-Ausschneider, Eisverkäufer. Ab 1968, im Alter von 18 Jahren, wurde er zum Oppositionellen, ein Ost-68er, wie es in einer Würdigung später hieß. Für diesen Lebensstil hatte die DDR wenig übrig. Die Behörden zogen ihm den Personalausweis ein und gaben ihm einen PM12, einen Ersatzausweis, mit dem er sich wöchentlich bei der Polizei melden musste.
Zabka war Teil der Künstlerszene im Prenzlauer Berg und der kirchlichen Oppositionsbewegung, die sich unter dem Dach der evangelischen Kirche organisierte. 1984 entstand im Künstlerhaus Babe die Idee für ein „Lügenmuseum“, eine Sammlung von Objekten und Installationen, die mit Täuschung, Selbsttäuschung und der Differenz zwischen Schein und Sein spielt. Nach der Wende, 1990, erklärte Zabka sein eigenes Atelier kurzerhand zum Museum. Aus einem Künstlerleben am Rand der DDR-Gesellschaft wurde ein musealer Lebensentwurf, der bis heute trägt.
Vom Gutshaus Gantikow zu den brennenden Labyrinthen
1995 übereignete die Stadt Kyritz dem Trägerverein von Reinhard Zabka das verfallene Gutshaus im Ortsteil Gantikow, Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Im selben Jahr wurde das Lügenmuseum Mitglied im Museumsverband Brandenburg, im Jahr 2000 erkannte der Landesverband LAG Soziokultur es als soziokulturelles Zentrum an. Zabka lebte zeitweise direkt in der Ausstellung, bewirtete Besucher zum privaten Tee zwischen den Exponaten, ein Museum, das gleichzeitig Wohnzimmer war.
Parallel dazu entwickelte Zabka, unter dem Künstlernamen Richard von Gigantikow, eine zweite künstlerische Linie: temporäre Holzlabyrinthe, gebaut mit wechselnden internationalen Künstlergruppen, die am Ende öffentlich verbrannt wurden. 1989 baute er ein „Labyrinth der Erinnerung“ auf dem Dachboden des Stadtmuseums Eberswalde, 2009 das „Labyrinth der Wende“ in der Marienkirche Frankfurt (Oder), ein mäanderndes Gebilde aus rosa lackierten Obstkisten und Palettenholz, das den Kirchenraum durchzog, bevor es ging, wie all diese Labyrinthe gehen: in Flammen auf. Werden und Vergehen als künstlerisches Prinzip, lange bevor es zum Lebensthema des Museums selbst wurde. Dazwischen eröffnete Zabka 2003 sogar eine Dessauer Filiale des Lügenmuseums, in einem ehemaligen Blumenladen.



Ankunft in Serkowitz: aus zwölf werden siebzehn Räume
2012 beschloss der Radebeuler Stadtrat einstimmig, dem Lügenmuseum den leerstehenden, denkmalgeschützten Gasthof Serkowitz zu überlassen, ein über 700 Jahre altes Gebäude, das nach DDR-Mangelwirtschaft und jahrelanger Vernachlässigung dringend eine neue Nutzung brauchte. Der damalige Oberbürgermeister setzte sich persönlich dafür ein und brachte das Vorhaben durch die Ausschüsse. Ziel war ein Erbbaupachtvertrag, 2013 legten die Betreiber dafür ein hundertseitiges kulturtouristisches Konzept vor.
Was in den folgenden Jahren entstand, wuchs organisch und beständig: Aus den anfänglich rund zwölf Räumen wurden mit der Zeit 17 Ausstellungsräume, dazu vier Archive und vier künstlerische Vor- und Nachlässe. Eine Lichtinstallation von Claudia Reh bespielte die Fassade. Im Inneren entstand unter anderem ein Raum „Auf dem Sonnendeck der Titanic“, in dem Besucher nichts tun und dem Originalton des Untergangs lauschen können, zwanzig Minuten nach dem Ereignis. Und es entstand ein Raum, der einen 1976 besetzten Wohnraum neben dem Erfurter Augustinerkloster originalgetreu nachbaut, samt eigenem Kapitel zur Biografie Reinhard Zabkas. Sein eigenes Leben als Ausstellungsstück, in dem Haus, das jetzt selbst zur Disposition steht.



Mehr als 250 Künstlerinnen und Künstler haben seit 2012 im Lügenmuseum gearbeitet, über 90.000 Besucher aus aller Welt kamen. Zabka erhielt dafür Förderpreise des Landes Brandenburg, Stipendien der Akademie Schloss Solitude, des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf und Schloss Plüschow, den Kunstpreis der Stadt Radebeul und 2023 den bundesweiten Preis „machen!2023“ für ehrenamtliches Engagement. Aus dem maroden Gasthof war geworden, was man durchaus in einem Atemzug mit Dalís Theatermuseum in Figueres nennen kann, nur eben betrieben von zwei Personen, Reinhard und Dorota Zabka, und einem Netzwerk von Ehrenamtlichen.
Der Bürgermeister, der ihn wollte
2013, ein Jahr nach dem Einzug, besuchte eine Bloggerin den Gasthof und auch Oberbürgermeister Bert Wendsche, parteilos, Kreuzschule, Studium in Pädagogik und Wirtschaft. Wendsche war zu diesem Zeitpunkt schon fünfmal im Lügenmuseum gewesen. Er fand, Zabka passe besser in den Gasthof als ins Albertinum, und er fand, der Künstler habe eine wichtige Botschaft: „die Dinge zu hinterfragen“. Zabka hatte der Stadt zu dieser Zeit 10.000 Euro für den Gasthof angeboten. Wendsches Antwort: Das Gebäude sei viel mehr wert, der Gasthof Serkowitz sei der älteste der Lößnitz und der einzige seiner Art, der noch mit Gaststube und Ballsaal im Obergeschoss erhalten sei.
Dreizehn Jahre später ist es genau dieser Bürgermeister, unter dessen Amtszeit die Stadt das Lügenmuseum vor Gericht aus genau diesem Gebäude klagt. Man muss kein Zyniker sein, um darin eine gewisse Ironie zu erkennen. Man muss nur die eigenen Zitate von 2013 mit den eigenen Schritten von 2024 vergleichen.
Vom Goodwill zur Kündigung
Schon kurz nach dem Einzug begann die Stadt, das Gebäude immer wieder zum Verkauf auszuschreiben. Käufer fanden sich kaum. 2022 ließ der Stadtrat ein Gutachten erstellen: symbolischer Immobilienwert ein Euro, Sanierungsbedarf rund 3,5 Millionen Euro. Gesucht wurde seitdem ein „potenter Investor“, wie es Wendsche formulierte, in seinem eigenen Wahljahr, ein Detail, das man durchaus erwähnen darf, ohne ihm Böswilligkeit zu unterstellen.
Im Oktober 2023 schien sich eine Lösung anzubahnen: Der Berliner Verleger Wilhelm Ruprecht Frieling wollte den Gasthof kaufen und daraus ein Kulturzentrum für freie Kunst machen, mit dem Lügenmuseum als Ankermieter. Im Frühjahr 2024 zog Frieling sein Angebot zurück. Was zwischen ihm und Zabka nicht funktionierte, lässt sich von außen nicht klären, beide Seiten hatten offenbar unterschiedliche Vorstellungen davon, wer im Haus den Ton angibt.
Was folgte, kam für die Betreiber überraschend: Am 23. Mai 2024 erhielt Zabka die Kündigung des bis dahin unbefristeten Mietvertrags, mit Wirkung zum 31. August 2024. Noch im Jahr zuvor hatte die Stadt eine Förderung für eine Ausstellung zu „35 Jahre Friedliche Revolution“ zugesagt, geplant für Dezember 2024 im Gasthof. Parallel zur Kündigung verabschiedete der Stadtrat eine Kulturentwicklungskonzeption 2024 bis 2030, in der das Lügenmuseum ausdrücklich als Kulturzentrum verankert ist. Auf dem Papier ein Leuchtturm der städtischen Kulturplanung, in der Realität vor die Tür gesetzt, und das mitten im laufenden Kulturbetrieb. Nach Verhandlungen zwischen Zabka und Wendsche blieb es bei der Kündigung, der Auszugstermin wurde verschoben. Die Stadt reichte trotzdem Räumungsklage ein.
Petition, Schenkung, Showdown vor Gericht
Im November 2025 entschied das Landgericht zugunsten der Stadt. Die Betreiber legten Berufung beim Oberlandesgericht Dresden ein. Parallel sammelte eine Bürgerinitiative Unterschriften für die Petition „Rettet das Lügenmuseum in Radebeul“. Am 17. Dezember 2025 übergab sie 3.066 Unterschriften an Oberbürgermeister Wendsche, im Rahmen einer Stadtratssitzung. Eine öffentlich dokumentierte Reaktion der Stadt darauf gab es bis zum Verhandlungstermin im Mai 2026 nicht.



Kurz vor dem Berufungstermin wandten sich Dorota und Reinhard Zabka mit einem ungewöhnlichen Vorschlag an den Stadtrat: Sie bieten an, das Lügenmuseum komplett als Schenkung zu übergeben, als Gesamtkunstwerk, mit dem Ziel dauerhafter Sicherung und öffentlicher Zugänglichkeit. Die Idee kam aus dem Unterstützerkreis des Museums. Wer sein Lebenswerk verschenkt, um es zu retten, hat verstanden, dass es in diesem Streit längst nicht mehr um Eigentum geht, sondern um Erhalt. Ob und wie die Fraktionen im Stadtrat dieses Angebot vor dem 7. Mai überhaupt beraten haben, lässt sich von außen nicht nachvollziehen.
Vor dem Oberlandesgericht Dresden endete die Berufungsverhandlung am 7. Mai 2026 dann nicht mit einem Urteil, sondern mit einem Vergleich. Das Lügenmuseum muss den Standort Gasthof Serkowitz endgültig aufgeben, das steht fest. Im Gegenzug gibt es eine Galgenfrist: Die Stadt darf die Räumung erst ab dem 30. September 2026 zwangsweise durchsetzen. Zabka zog seine Berufung zurück, die Entscheidung des Landgerichts wurde damit rechtskräftig.
Ein Detail aus der Verhandlung lohnt einen zweiten Blick: Oberbürgermeister Wendsche räumte ein, dass sich die Museumsbetreiber nach der Räumung auch um den Kauf der Immobilie bewerben könnten. Nach Jahren gescheiterter Investorensuche, einem zurückgezogenen Kaufangebot von dritter Seite und einem Schenkungsangebot der Betreiber selbst landet die Diskussion damit fast genau dort, wo sie 2013 schon einmal stand, als Zabka der Stadt 10.000 Euro für das Haus bot. Nur dürfen die Betreiber diesmal nicht mehr drinnen wohnen, während sie sich bewerben.



Was jetzt?
Einen Tag nach dem Vergleich, am 8. Mai 2026, meldete der MDR: Das Lügenmuseum will trotz des Räumungsbeschlusses weitermachen. Was das konkret heißt, ein neuer Standort, eine Zwischenlösung oder eine komplette Neuaufstellung des Vereins Kunst der Lüge e. V., ist bislang offen. Bekannt ist nur, dass die Uhr läuft. Bis zum 30. September 2026 muss eine Sammlung aus 17 Räumen, vier Archiven und vier künstlerischen Nachlässen ein neues Zuhause finden, oder zumindest ein Zwischenlager. Bei einer Sammlung, deren Wert nach Angaben der Betreiber den Wert der Immobilie übersteigt, und einer ehrenamtlichen Arbeitsleistung, die sie auf das Fünffache des Gebäudewerts taxieren, ist das kein triviales Unterfangen, schon logistisch nicht.
Hinzu kommt, dass dieses Museum nie ein klassisches Depot-Museum war. Die Räume sind gewachsen, ineinander verschachtelt, Teil eines Gesamtkunstwerks, das genau in diesem Gebäude entstanden ist. Ein Auszug ist hier nicht das Einpacken von Exponaten, sondern die Demontage eines Organismus, der vierzehn Jahre Zeit hatte, sich in diese Räume hinein zu entwickeln.
Was bleibt
Zwölf Jahre Gasthof Serkowitz enden mit einem Vergleich, der allen Seiten irgendetwas lässt und niemandem wirklich etwas gibt. Die Stadt bekommt ihr Gebäude zurück, das sie seit 2022 ohnehin verkaufen wollte und dessen Sanierung sie weiterhin mit rund 3,5 Millionen Euro veranschlagt. Das Museum bekommt vier Monate Zeit und die theoretische Aussicht, sich später um genau jene Immobilie zu bewerben, aus der es gerade geräumt wird, eine Immobilie, für die Zabka der Stadt schon 2013 Geld geboten hatte. Und 3.066 Menschen, die für den Erhalt unterschrieben haben, bekommen: nichts, außer der Gewissheit, dass ihre Unterschrift dokumentiert ist.



Was von außen am meisten irritiert, ist nicht die Härte der Räumung an sich, Mietverträge enden, das ist Alltag. Es ist die Distanz zwischen den eigenen Worten der Stadt und ihren eigenen Taten: ein Bürgermeister, der 2013 öffentlich sagt, dieser Künstler gehöre genau hierhin, eine Kulturentwicklungskonzeption, die das Museum 2024 als Kulturzentrum verankert, während im selben Jahr die Kündigung verschickt wird. Wenn am Ende ein Vergleich steht, der im Kern das bestätigt, was 2024 ohnehin schon beschlossen war, dann war der ganze Weg dorthin, Räumungsklage, Berufung, Petition, Schenkungsangebot, vor allem eines: zwei verlorene Jahre.
Bewegt sich etwas am neuen Standort, am Kaufangebot der Zabkas oder an der Reaktion des Stadtrats auf die Schenkung, folgt eine Fortsetzung. Bis dahin läuft der Countdown: noch rund dreieinhalb Monate bis zum 30. September.


Aufruf: Gesucht wird ein neues Zuhause für 17 Räume voller Wahrheit und Lüge
An dieser Stelle hört Journalismus normalerweise auf und Wirklichkeit fängt an. Aber manchmal liegen beide nah beieinander, und genau das ist hier der Fall: Das Lügenmuseum braucht bis zum 30. September 2026 eine neue Bleibe, und die Suche danach ist kein abstraktes Problem für irgendwen, sondern etwas, bei dem Leserinnen und Leser von sist24-media tatsächlich den entscheidenden Hinweis haben könnten.

Gesucht wird, realistisch betrachtet, kein Schloss. Gesucht wird ein Gebäude mit ausreichend Raum für 17 Ausstellungsräume, vier Archive und vier künstlerische Nachlässe, idealerweise mit Charakter: ein leerstehender Gasthof, eine ehemalige Fabrik, ein Kasernen- oder Klosterkomplex, irgendetwas mit Geschichte und genug Wänden, an die man Dinge hängen kann, die man später anzweifeln möchte. Die Vergangenheit des Museums zeigt, dass Zabka und sein Team mit solchen Häusern umgehen können, ein verfallenes Gutshaus in Brandenburg, ein Blumenladen in Dessau, ein maroder Gasthof in Radebeul, das waren alles keine Vorzeigeimmobilien, bevor das Lügenmuseum einzog.
Geografisch muss es nicht Sachsen sein, auch wenn die Nähe zu Dresden naheliegt. Das Museum war schon in Brandenburg, Thüringen und Berlin aktiv, ein Umzug über Bundeslandgrenzen wäre also kein Novum. Wer also ein Gebäude kennt, das eine Kommune, eine Stiftung oder ein privater Eigentümer ungenutzt herumstehen hat, vielleicht sogar mit einem ähnlich symbolischen Kaufpreis wie damals in Radebeul, darf das gerne weitergeben.
Hinweise, Kontakte und konkrete Angebote nimmt die Redaktion von sist24-media über das Kontaktformular auf sist24-media.eu entgegen und leitet sie an den Verein Kunst der Lüge e. V. weiter. Wer lieber direkt Kontakt aufnimmt: info@luegenmuseum.de, www.luegenmuseum.de.

