Historischer Rathaussaal Nürnberg: Dürers verlorenes Meisterwerk
Mitten im Nürnberger Altstadtviertel, direkt am Hauptmarkt, verbirgt das Alte Rathaus einen der ambitioniertesten Räume der deutschen Kunstgeschichte – auch wenn von der ursprünglichen Pracht nach 1945 nichts mehr übrig war. Der Historische Rathaussaal erzählt die Geschichte eines Auftrags von Albrecht Dürer, einer Bombennacht und eines jahrzehntelangen Wiederaufbaus.
Der größte Saal nördlich der Alpen
Zwischen 1332 und 1340 entstand der Große Rathaussaal als Herzstück des Nürnberger Rathauses. Mit knapp 40 Metern Länge und 12 Metern Breite war er zur Zeit seiner Fertigstellung der größte profane Saalbau nördlich der Alpen – ein Statement einer Reichsstadt, die sich selbstbewusst neben Fürsten und Kaisern positionierte.
Über Jahrhunderte diente der Saal als Ort für Ratsversammlungen, Reichstage und Empfänge. Genau diese Funktion sollte ihm 1519 zum Verhängnis werden – zumindest der Innenausstattung, wie sie bis dahin bestand.






Dürers Auftrag fürs Imperium
Nach dem überraschenden Tod Kaiser Maximilians I. 1519 rechnete der Nürnberger Rat damit, dass dessen Nachfolger bald zum ersten Reichstag in die Stadt kommen würde. Der Rathaussaal erschien dafür nicht repräsentativ genug – und so erhielt Albrecht Dürer 1519/21 einen der größten Aufträge seines Lebens: die komplette Neugestaltung der Saalausmalung.
Die Arbeiten begannen 1521 und wurden 1528/30 abgeschlossen. Das Ergebnis, der Triumphzug Kaiser Maximilians, galt seinerzeit als das größte Wandgemälde Europas – inklusive Holztonnendecke und Wandleuchtern nach Dürers Entwürfen.


Die Nacht, in der alles brannte
Im Bombenhagel der Luftangriffe auf Nürnberg brannte der gesamte Rathauskomplex 1944/45 bis auf die Umfassungsmauern nieder. Dürers Ausmalung, die Glasmalereien, die Holztonne – die komplette Innenausstattung ging in dieser einen Nacht verloren. Was Jahrhunderte überdauert hatte, war binnen Stunden Asche.
Erst zwischen 1956 und 1962 wurde das Alte Rathaus unter der Leitung von Harald Clauß auf der Brandruine wieder aufgebaut. Die Rekonstruktion konzentrierte sich auf die äußere Form – Dürers Meisterwerk blieb verloren und ist heute nur noch von historischen Fotografien und Nachzeichnungen bekannt.
Wappen, Gewölbe und ein Gang unter die Stadt
Wer heute durch den Saal und die angrenzenden Räume geht, findet immer noch reichlich historische Substanz: vergoldete Wappenkartuschen, geschnitzte Friese und steinerne Figuren erinnern an die einstige Pracht des Rathauskomplexes.
Unter dem Gebäude liegt ein gänzlich anderes Kapitel Nürnberger Stadtgeschichte: die mittelalterlichen Lochgefängnisse. Das gotische Gewölbe mit seinen schweren Sandsteinquadern diente Jahrhunderte lang als städtisches Verlies – heute lässt es sich nur im Rahmen einer Führung besichtigen.


Praktische Infos: Das Alte Rathaus liegt direkt am Hauptmarkt im Herzen der Nürnberger Altstadt. Die mittelalterlichen Lochgefängnisse darunter sind nur im Rahmen einer rund 45-minütigen Führung zugänglich, die täglich stündlich von 11 bis 18 Uhr startet; Tickets (10 Euro) gibt es ausschließlich online im Vorverkauf, an der Kasse vor Ort werden keine Karten verkauft. Treffpunkt ist das mittlere Portal des Alten Rathauses.
