Fuggerei Augsburg: 88 €ent Miete und der Bunker, der 200 Leben rettete
D-Augsburg [SiSt24 Media] Wer aktuell in einer deutschen Großstadt eine Wohnung sucht, kennt die Eckdaten: zweistellige Quadratmeterpreise, Kautionen in Monatsgehältern, Wartelisten ohne Ende. Mitten in der Augsburger Altstadt liegt eine Siedlung, die seit 1521 das exakte Gegenteil vorlebt. 67 Häuser, acht Gassen, 140 Wohnungen, rund 150 Bewohner. Die Jahreskaltmiete: 88 Cent. Nicht im Monat. Im Jahr. Willkommen in der Fuggerei, der ältesten noch bewohnten Sozialsiedlung der Welt.



Den Grundstein legte Jakob Fugger, ein Mann, dessen Beiname „der Reiche“ keine Übertreibung war. 1459 in Augsburg geboren, mit 14 Jahren zur kaufmännischen Ausbildung nach Venedig geschickt, baute er ein Handelsimperium auf, das Kaiser finanzierte. 1521 stiftete er für bedürftige Mitbürger eine Siedlung, deren Bau bereits 1516 begonnen hatte und sich bis 1523 zog. Eine frühe Form von Corporate Social Responsibility, nur dass diese Stiftung 500 Jahre später noch läuft und dafür kein Nachhaltigkeitsbericht nötig war.














Wer in der Fuggerei wohnen will, muss bis heute mehrere Bedingungen erfüllen: katholisch sein, Augsburger Bürger sein, das 55. Lebensjahr überschritten haben und unverschuldet in eine finanzielle Notlage geraten sein. Der Mietvertrag für eine solche „Gnadenwohnung“ gilt dann auf Lebenszeit. Im Gegenzug sprechen die Bewohner täglich drei Gebete für Jakob Fugger und seine Stifterfamilie. Die Jahresmiete von 88 Cent entspricht exakt dem historischen Mietzins von einem Rheinischen Gulden und ist seit der Gründung unverändert. Die rund 60 Quadratmeter großen Wohnungen haben einen eigenen Eingang, in den unteren Stockwerken zusätzlich einen kleinen Garten, in den oberen einen Speicher.



Die Siedlung funktioniert bis heute als eigene kleine Stadt in der Stadt, mit Mauer, drei Toren und einer eigenen Kirche. Letztere war ursprünglich gar nicht geplant: Die Bewohner gingen zunächst in die nahe St.-Jakobs-Kirche, bis diese im Zuge der Reformation evangelisch wurde. Für die katholischen Fuggerei-Bewohner blieb damit nur eine Lösung, und so entstand 1581/82 die St.-Markus-Kirche, direkt an der Straße gelegen statt nach Osten ausgerichtet, wie es katholische Kirchen sonst sind. Ein Nachtwächter schließt das Haupttor pünktlich um 22 Uhr, geöffnet ist ab 5 Uhr morgens. Wer zwischen 22 und 24 Uhr zurückkehrt, zahlt 50 Cent, danach einen Euro. Ein System, das seit Jahrhunderten funktioniert und bis heute keine App braucht.
Wie eng die Geschichte der Fuggerei mit der Geschichte Augsburgs verwoben ist, zeigen zwei Daten. 1642, mitten im Dreißigjährigen Krieg, waren zwei Häuser komplett zerstört und 28 weitere nur noch teilweise bewohnbar. Die Bewohner bauten selbst wieder auf. In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 traf es die Siedlung deutlich härter: Bei dem Luftangriff, der rund 90 Prozent der Augsburger Altstadt zerstörte und 730 Menschenleben kostete, fiel auch etwa zwei Drittel der Fuggerei in Schutt. Dass dabei keine Bewohner zu Schaden kamen, lag an einem Bunker, den die Stiftungsverwaltung vorausschauend bereits 1943 hatte bauen lassen. Rund 200 Menschen fanden dort Schutz. Nur wenige Tage später, am 1. März 1944, beschloss das Fuggersche Familienseniorat den sofortigen Wiederaufbau. 1947 konnten die ersten Häuser wieder bezogen werden, bis 1973 wurde die Siedlung erweitert.







Heute steht der Bunker selbst als Museum offen, mit der seit 2008 laufenden Dauerausstellung zu Zerstörung und Wiederaufbau. Sie dokumentiert auch die dunkleren Kapitel: die Geschichte etwa von Aloisia Kempter, die bis 1934 in der Fuggerei lebte und später Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde wurde. Auch politisch stand die Siedlung mehrfach auf der Kippe, bei der Mediatisierung der Reichsstadt Augsburg 1806 und erneut im Dritten Reich drohte der Verlust der eigenständigen Verwaltung. Beides wurde abgewendet. Bis heute verwaltet die Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration die Siedlung, finanziert aus dem Stiftungsvermögen (Forstwirtschaft und Immobilien), ohne einen Cent öffentlicher Förderung. Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration



Mehrere Museen erzählen diese Geschichte weiter. Im Fuggereimuseum in der Mittleren Gasse, dem einzigen Haus mit weitgehend original erhaltener Bausubstanz aus der Zeit um 1520, zeigt ein Modell den Zustand der Siedlung vor 1944, ergänzt um eine originalgetreu eingerichtete Wohnung im Stil des 18. Jahrhunderts. Seit 2007 zeigt eine Schauwohnung in der Ochsengasse, wie Bewohner heute leben. Und an einem Haus erinnert eine Tafel an einen besonders prominenten ehemaligen Mieter: Franz Mozart, Urgroßvater von Wolfgang Amadeus Mozart, wohnte von 1681 bis 1694 hier, allerdings nicht als Bedürftiger, sondern als Stiftungsbaumeister. Auch Genies brauchen offenbar eine Dienstwohnung. Der Eintritt, seit 2006 erhoben und derzeit bei rund acht Euro, fließt direkt in den Erhalt der Anlage.
Wer nach dem Rundgang noch Zeit hat, ist in guter Gesellschaft: Die Fuggerei liegt keine zehn Gehminuten vom Rathaus entfernt, und mit Fuggerkapelle, Fuggerhäusern und Schaezlerpalais reihen sich auf der Maximilianstraße gleich die nächsten Kapitel der Fugger-Geschichte. Augsburg selbst trägt seit 2019 den UNESCO-Welterbetitel, allerdings nicht für die Fuggerei, sondern für sein Wassermanagement-System mit Wassertürmen, Kanälen und historischen Wasserkraftwerken. Die älteste Sozialsiedlung der Welt schaffte es trotz ihrer Einzigartigkeit nicht auf die Liste. Gegen 22 Brunnen und Wasserkraftwerke zieht offenbar selbst Jakob Fugger den Kürzeren.
