Landesgartenschau in Neuss 2026

Neuss lädt EIN zur LAGA — und vergisst dabei fast alles andere

Wenn eine Stadt ihren größten Moment nicht ganz versteht

38 Hektar, 179 Tage, mehr als 1.000 Veranstaltungen. Die Landesgartenschau Neuss 2026 ist auf dem Papier eine wahrlich beeindruckende Veranstaltung. Auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn, mitten in der Innenstadt, direkt am Rhein, ist ein neuer Stadtpark entstanden — das sogenannte „Grüne Herz“. Das klingt gut. Ist es manchmal auch. Manchmal aber auch eben nicht.

Wer Landesgartenschauen kennt, bringt Erwartungen mit. Blütendichte, Schaugärten, Musterparzellen mit Gestaltungsideen zum Mitnehmen, Themenbereiche mit erklärendem Personal, das auf Fragen wartet statt auf einen Dienstplan. Neuss 2026 erfüllt einige davon. Und lässt andere mit einer Konsequenz vermissen, so, dass es fast schon wieder Stil hat.


Anreise: Schon vor dem Eingang geht es los

Die Park-Odysee beginnt mit einer Erklärung. Bevor man einfahren kann, kommt ein Instruktor ans Fenster und erklärt das System, das schon seit einigen Jahre existiert. Das System funktioniert so: einfahren, parken, vor der Ausfahrt zur Kasse gehen, Kennzeichen eingeben, Ticket bezahlen — die Kameras haben das Fahrzeug beim Einfahren erfasst und buchen den Bezahlvorgang entsprechend zu. Soweit nachvollziehbar.

Wenn jetzt aber hundert Fahrzeuge gleichzeitig ausfahren wollen, stehen summa summarum auch gut hundert Fahrerinnen und Fahrer an einem einzigen Automaten. Die Online-Rezensionen zur LAGA bestätigen: Das war kein Ausnahmetag.

Dabei ist es durchaus vermeidbar. Auf dem Parkplatz gibt es, wenn auch versteckt und wirklich gut versteckt, ein Erklärungsschild und in 100m Entfernung auch ein EasyPark-Schild. Wer es nicht sucht, findet es nicht. Wer es sucht, blickt auf ein Verkehrsschild in etwa 2,50 Meter Höhe angebracht — mit einem QR-Code, den man in dieser Höhe nur dann scannen kann, wenn man einen ausklappbaren Arm besitzt oder sehr sportlich ist. Im Kleingedruckten desselben Schildes steht zudem, dass man die Parkgebühren auch auf der Homepage zahlen und das Kennzeichen bis zu 24 Stunden nach der Ausfahrt eingeben kann. Das erspart die Schlange. Die Information steht oben. Auf Augenhöhe steht sie nicht. Auf irgendeiner Höhe, die ein Normalmenschen erreicht, übrigens auch nicht. Sollten Sie Easy-Park Nutzer sein und Ihr Kennzeichen auf dem Videoscan freigegeben haben, erfolgt der Parkvorgang automatisch. Und das ganze widerspricht ja den eingangs erhaltenen Instruktionen, nur am Kassenhäuschen sein Geschäft über die Bühne bringen zu können.

Nach dem Parkplatz geht es weiter bergauf zur Kasse. Wörtlich. Für Besucher ohne Einschränkungen kein Thema. Die schlecht-zu-Fuß Besucher konnten sich online schon Mobilitätshilfen reservieren lassen. Diese Reservierung wurde zeitnah per Mail bestätigt, dass Mobilitätshilfen am Eingang Ost bereitstehen, der macht sich auf den Weg: an der Kasse vorbei, über die Ampel, Stufen hinunter. Am Eingang Ost wartet dann: nichts. Kein Rollstuhl, ein E-Roller, kein Pflasterporsche, kein Schild. Die Hilfsmittel stehen nämlich an dem Container bei der Kasse. Ohne jede Beschilderung. Also den Weg wieder zurück: Stufen rauf, Ampel, Kasse — diesmal mit mehr Aufmerksamkeit. Gefunden. Man ist ja gut zu Fuß!

Wer mit einer älteren Begleitungen unterwegs ist, weiß, was dieser Umweg kostet. Nicht in Euro, sondern in Kraft. Für die Veranstaltung kostet er etwas anderes: den berühmten ersten Eindruck. Der sitzt.

Dann der Lageplan. Das Faltblatt kommt doppelseitig: zwei Versionen desselben Geländes, gleiche Fläche, gleicher Inhalt — einmal mit Norden oben, einmal mit Osten oben. Wer von anderen Landesgartenschauen kennt, welche tatsächlich geteilte Gelände hatten, stockt kurz. Zwei Bereiche? Nein. Eines. Nur gedreht. Warum? Die LAGA erklärt es nicht. Vielleicht war der Drucker schuld. Bestimmt!


Das Gelände: Ehemals verloren, jetzt teils bepflanzt

Die Neusser Galopprennbahn lag fast fünf Jahre still. Ein echter Lost Place mitten in der Innenstadt, direkt hinter dem Hauptbahnhof. Die alten Stallgebäude stehen noch — saniert, mit weitgehend erhaltener Backsteinfassade. An den Außenwänden findet sich Graffiti. Aber kein Verfall-Graffiti, kein Billigkram aus der Leerstandszeit. Das ist eigens für die LAGA gestaltet worden, professionell, farbig, mit Konzept. Es sieht gut aus und ist eines der wenigen Dinge auf dem Gelände, das zeigt: Hier hat jemand nachgedacht.

Innen zugänglich waren die Gebäude beim Besuch noch nicht. Zukünftig sollen Neusser Vereine und Initiativen einziehen. Ein guter Plan — sofern er umgesetzt wird.

Was der Besucher sonst sieht: viel Fläche. Der Verlauf der ehemaligen Rennbahn ist über weite Strecken durchgehend unbebaut — ein gut zehn Meter breiter Sandstreifen, der den Rundkurs der früheren Galopprennbahn nachzeichnet. Kein Beet, keine Gestaltung, kein Hinweis, was das mal war und was es jetzt sein soll. Einfach Sand. Das mag künftig noch kommen. Im Juni 2026 erweckt es den Eindruck, dass 38 Hektar schlicht mehr sind als das fertige Programm.

Aushebungen, die nach Teichen aussehen, sind es nicht. Sie wurden nicht geflutet. Eine davon ist blau angemalt — ein Betonbecken, etwa zwei mal fünf Meter, randvoll mit Wasser, lieblos hingeklatscht. Das ist kein Gartenteich. Das ist eine Betonkuhle mit Farbe drauf. Als Gestaltungsidee für einen Stadtpark, der jahrzehntelange Stadtgeschichte tragen soll, fühlt es sich etwas dünn an.

Andere Landesgartenschauen hatten an dieser Stelle Mustergärten: Schaugärten für Kleingärtner, Pergolen, Hochbeete, Kompostsysteme, Gartenhäuschen mit konkreten Gestaltungsideen zum Mitnehmen. Neuss hält sich in diesem Bereich zurück. Warum, bleibt offen.


Bunt? Stellenweise

Eine Landesgartenschau verspricht Farbe. Dahliensorten, Lampenputzergräser, Salbei, Löwenmäulchen, Petunien und Lobelien — das Sortiment ist da. Die Dichte nicht. Die Beete sind ordentlich, gepflegt und stellenweise spärlich. Wer sich auf Blütenpracht wie von Gartenschauen anderer Bundesländer freut, wird nüchtern. Das kann sich bis Oktober noch ändern. Im Juni wirkt die Farbintensität des Geländes wie ein Versprechen, das die Pflanzung noch einlösen muss.

Das große Ausstellungszelt mit Blumenarrangements ist der bessere Teil: Duft, Professionalität, ruhige Atmosphäre. Wer sich Zeit lässt, findet hier etwas. Im hinteren Anbau desselben Zeltes — nicht ein separates Zelt, sondern quasi ein angehängter Bereich — findet sich dann das komplette Gegenteil: Windräder für den Garten, Gartenmöbel, Deko. Schön, kaufbar, aber mit Gartenschau hat es nichts zu tun. Das gleiche Angebot steht auf jedem Herbstmarkt. Wer es nicht kaufen will, dreht um.


Die Spielplätze: Das machen sie richtig

Die Spielplätze sind modern, gut ausgestattet, mit dem heute üblichen Gummibelag statt Kies — niemand baut heutzutage noch Kinderspielplätze auf Kies. Basketball, Beachvolleyball, Skate-Areal, inklusive Sportangebote. Das ist großzügig dimensioniert und gut durchdacht. Eine Seilbahn zum Gleiten, wie sie manch andere Freizeitanlage hat, fehlt. Vielleicht vergessen, vielleicht bewusst. Man erfährt es nicht.


Information: Fehlanzeige

Was auf dem gesamten Gelände auffällt: Es gibt kein Personal mit Erklärungsauftrag. Keine Informationsstände zu den einzelnen Themenbereichen. Keine Imker, die über Bienen reden. Keine Gärtner, die vor ihren Beeten stehen und Fragen beantworten. Keine Sportvereine, die ihr Angebot vorstellen. Kein einziger Stand, der erklärt, warum dieser Park so ist, wie er ist, und was er werden soll.

Das Personal an den Eingängen ist freundlich, hilfsbereit, kompetent. Das muss man sagen und das ist mehr wert als es klingt. Aber sobald man das Eingangsbereich hinter sich hat, ist man weitgehend auf sich gestellt. Wer eine Frage hat, sucht. Wer etwas verstehen will, liest — wenn es etwas zu lesen gibt. Meistens gibt es das nicht.


Die Galopprennbahn: Eine Geschichte, die niemand erzählt

Auf dem Sandstreifen, wo früher Pferde galoppierten, spielen heute Kinder. Auf einem der Spielplätze greift das Design das Thema auf — eine Art symbolische Rennbahn für kleine Füße. Nette Idee. Schade nur, dass kein einziges Schild erklärt, was dieser Ort war. Jahrzehnte Stadtgeschichte, fünf Jahre Leerstand, dann Gartenschau — und nichts davon dringt nach außen. Kein QR-Code, keine Informationstafel, kein Satz.

Die Römer waren übrigens auch in Neuss. Über 2.000 Jahre Geschichte. Auf einem der Spielplätze findet sich eine spielerische Anspielung auf ein altes Römerlager. Wer es nicht weiß, erfährt es nicht. Die Geschichte der Stadt sitzt überall unter den Füßen. Erklärt wird sie nirgendwo.


Das Kunstwerk im Wind

Irgendwo auf dem Gelände steht ein Objekt, das aus dem Rest herausfällt: „Wir treffen uns im Wind“ des Münchener Künstlers Hayato Mizutani, eingeweiht mit einem interreligiösen Friedensgebet. Es ist das einzige Ding auf dem gesamten Gelände, das eine Frage stellt, statt eine Antwort zu verkaufen. Wer es findet, sollte kurz stehen bleiben.


Was bleibt

Wenn der Zaun nach dem 11. Oktober fällt und der Park öffentlich zugänglich wird, entscheidet sich, ob die LAGA ihr wichtigstes Versprechen hält: 38 Hektar verlassenes Stadtland dauerhaft zurückzugewinnen. Das wäre der eigentliche Erfolg — nicht die Dahlien, nicht die Betonkuhle, nicht das Verkaufszelt. Sondern ein Park, den die Neusser als ihren begreifen.

Bis dahin ist die LAGA Neuss 2026 eine Gartenschau mit richtiger Idee und spürbaren, vermeidbaren Lücken. Die Stallgebäude lohnen den Blick. Das Grüne Klassenzimmer mit Hühnern und Schafen ist ehrlich. Das Kunstwerk ist das Nachdenklichste auf dem Gelände. Der Rest ist ausbaufähig — im besten Fall buchstäblich.

Eintritt online: 20 Euro für Erwachsene. Mobilitätshilfen: direkt an der Kasse, nicht am Eingang Ost. Parkgebühren lassen sich auch online lösen — das steht nur leider in 2,50 Metern Höhe und selbst die Instructor wissen davon wohl nichts. Die LAGA läuft bis 11. Oktober 2026. Informationen unter landesgartenschau-neuss.de.


Anreise ohne Auto: Klar die bessere Wahl

Der Hauptbahnhof Neuss ist zu Fuß vom Gelände erreichbar, der Radschnellweg RS 5 führt direkt vorbei, die ÖPNV-Anbindung wurde verbessert. Wer ohne Auto kommt, spaziert entspannt ein. Wer mit dem Auto kommt, kennt die Geschichte bereits. Die implizite Botschaft der LAGA ist klar: Lasst das Auto stehen. Man hätte sie ruhig auch mal explizit sagen können — zum Beispiel auf Augenhöhe.


Zwischen Park und Stadt: Das Riesenrad

Wer vom Gelände in Richtung Innenstadt läuft, begegnet auf halber Strecke einem Riesenrad. Es steht dort, wo LAGA aufhört und Neuss anfängt — oder andersherum, je nach Blickrichtung. Ein klassisches Jahrmarktelement, das den Übergang zwischen Gartenschau und Stadtleben markiert. Wer von oben auf Neuss, den Rhein und das Gelände schauen möchte, hat hier die Gelegenheit. Ob das zum Konzept einer Landesgartenschau gehört, ist eine Frage, die man sich stellen kann. Das Riesenrad dreht sich trotzdem.


Neuss selbst: Unterschätzter Ausflug

Wer schon einmal in Neuss ist, sollte die Stadt nicht ignorieren. Über 2.000 Jahre Geschichte bis in die Römerzeit, der Münster St. Quirin keine zehn Minuten vom Gelände entfernt, Innenstadt und Rhein fußläufig erreichbar. Rheinisch, entspannt, unterschätzt. Neuss hat mehr zu bieten als den Park, der gerade noch dabei ist, er selbst zu werden.


Besuch: Juni 2026 | Fotos: Stefan Siedler / SiSt24 Media

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