Bad Ems Kursaalgebäude: Am Marmorsaal spazierte 1870 der Krieg vorbei
Bad Ems, Juli 2026 [SiSt24] Der Marmorsaal im Kursaalgebäude von Bad Ems ist genau die Art von Raum, die Hochzeitspaare und Kurorchester gleichermaßen verzückt: Kassettendecke, Kronleuchter aus Kristallglas, Säulen aus Lahntal-Marmor, die sich in goldgerahmten Wandspiegeln bis zur Unkenntlichkeit vervielfachen. Was auf den ersten Blick fehlt, ist ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Hier begann ein Krieg, ein paar Meter weiter“. Das Schild gibt es nicht. Die Geschichte schon.



Ein Klassizist baut fürs Kurorchester
Das heutige Kursaalgebäude wurde 1839 fertiggestellt und am 14. Juni desselben Jahres eingeweiht, entworfen vom königlich-bayerischen Bauinspektor Johann Gottfried Gutensohn, einem Schüler Leo von Klenzes. Der Marmorsaal diente zunächst schlicht als Theater- und Konzertsaal, in einer Zeit, in der Kurorte ihre Gäste nicht nur mit Trinkkuren, sondern auch mit einem ordentlichen Kulturprogramm bei Laune hielten. Bad Ems hatte davon reichlich zu bieten: Zu den verordneten „Trinkstunden“ spielte das Kurorchester im Kurgarten, und wer sich die Namen der prominentesten Gäste ansehen möchte, findet sie bis heute auf einem eigenen „Walk of Fame“ gegenüber der Tourist-Information.



Erst mit dem großen Erweiterungsbau von 1913/14 bekam das Haus sein heutiges Kurtheater dazu, entworfen von den Regierungsbaumeistern Birk und Jacobi im neubarocken Stil, mit Rokoko-Stuck im Zuschauerraum. 522 Sitzplätze, mehrfach für ihre Akustik ausgezeichnet, was insofern bemerkenswert ist, als das Gebäude ursprünglich nie als Theater geplant war. Manchmal trifft man den Nagel eben zufällig, nur mit fünfundsiebzig Jahren Verspätung.



Der Spaziergang, der einen Krieg auslöste
Direkt vor den Kolonnaden des Kursaalgebäudes verläuft die Kurpromenade, auf der seit dem 17. Jahrhundert kuriert, flaniert und offenbar gelegentlich auch Weltpolitik gemacht wird. Am 13. Juli 1870 traf hier Wilhelm I. bei seinem Kurspaziergang auf den französischen Botschafter Vincent Benedetti, der eine schriftliche Zusicherung verlangte, dass kein Hohenzollern-Prinz je den spanischen Thron besteigen würde. Der König lehnte höflich, aber bestimmt ab und ließ die Begegnung per Depesche nach Berlin telegrafieren. Otto von Bismarck kürzte den Text redaktionell, verschärfte ihn dabei erheblich, und veröffentlichte die neue Fassung noch am selben Abend. Frankreich erklärte Preußen fünf Tage später den Krieg.
Ins Gebäude selbst hat man den Botschafter dabei gar nicht erst gebeten: Verhandelt wurde draußen, im Vorübergehen, zwischen zwei Kurschritten. Der Marmorsaal bekommt für die Sache also bestenfalls einen Alibi-Credit als Kulisse im Hintergrund. Ein historischer Druck der Szene, zwei Herren im Gehrock mitten auf der Kolonnade, hängt bis heute unauffällig im Treppenhaus des Kursaalgebäudes, zwischen Feuerlöscher und Fluchtwegschild. Dezenter lässt sich der Auftakt zum Deutsch-Französischen Krieg kaum unterbringen.



Auch sonst hat Bad Ems illustre Gäste gesehen, die weniger folgenreich unterwegs waren. Fjodor Dostojewski kurte hier und schwärmte hinterher unironisch von Promenaden und Gärten der Stadt, was angesichts seiner sonstigen Weltsicht schon fast bemerkenswert ist. Zwischen Kurkonzert und Weltgeschichte liegt in Bad Ems offenbar nur ein kurzer Spaziergang.

Fünf Jahre Weltkulturerbe, ein Fest im Juli
Am 24. Juli 2021 erklärte die UNESCO Bad Ems zum Welterbe, als Teil der seriellen Welterbestätte „Great Spa Towns of Europe“, gemeinsam mit zehn weiteren Kurstädten in sieben Ländern: Baden bei Wien, Spa, Franzensbad, Karlsbad, Marienbad, Vichy, Baden-Baden, Bad Kissingen, Montecatini Terme und Bath. Ende Juli 2026 wird dieser Titel fünf Jahre alt, und Bad Ems feiert das standesgemäß mit einem SommerFEST im Welterbe am 26. Juli, mitten im Kurpark, ein paar Schritte von genau der Kolonnade entfernt, die 1870 schon einmal für internationale Schlagzeilen sorgte.



Das Kursaalgebäude mit seinem Marmorsaal zählt zu den Bauten, die diesen Welterbe-Titel tragen, neben dem historischen Kurviertel mit Kolonnaden, Kurpark und Trinkhallen. Wer durch den Kurpark schlendert, kommt an der Römerquelle vorbei (46 Grad warm, natrium- und hydrogencarbonathaltig) und an Infotafeln, die die verschiedenen Parkbereiche erklären, vom Kurhof über den Französischen Park bis zur Bismarckhöhe.


Wer hinwill
Der Kurpark selbst ist ganzjährig frei zugänglich, das Kursaalgebäude beherbergt neben dem Marmorsaal auch die Spielbank und das Kurtheater, dessen Spielplan sich auf der Seite des Staatsbads Bad Ems einsehen lässt. Führungen durchs UNESCO-Welterbe bietet die Tourist-Information direkt gegenüber dem Kursaalgebäude an, regelmäßig auch als offene Stadtführung. Anreise über die Bahnstrecke Koblenz–Limburg, der Bahnhof liegt in Sichtweite des Kurparks.



Wer am 26. Juli vorbeikommt, bekommt beides: fünf Jahre Welterbe-Jubiläum und die Gelegenheit, an derselben Kolonnade zu stehen, die vor 156 Jahren für etwas deutlich Ernsteres genutzt wurde als ein Sommerfest. Bad Ems trägt diese Doppelbödigkeit mit bemerkenswerter Gelassenheit, solange der Kaffee auf der Kolonnade schmeckt und der Kronleuchter im Marmorsaal gerade hängt, scheint der Rest verhandelbar.
