Jurassic World: Große Zähne, wenig Biss
D-München [SiSt24 Media] Schon das mächtige Eingangstor macht klar, worum es bei „Jurassic World – The Experience“ geht: nicht um ein Naturkundemuseum, sondern um den Schritt in die Welt der Kinofilme. Die Kulissen sind aufwendig gestaltet. Licht, Geräusche und tiefe Dramatöne aus den Wandlautsprechern erzeugen eine Atmosphäre, die Besucher unmittelbar auf die fiktive Insel Isla Nublar versetzen soll.

Der Rundgang führt durch zehn aufeinanderfolgende Erlebniszonen. Lebensgroße Dinosaurier, thematisch gestaltete Räume und kurze Spielszenen greifen bekannte Elemente aus den Filmen auf. Ein Brachiosaurus überragt die Besucher, Baby-Dinosaurier dürfen berührt werden und ein Tyrannosaurus Rex sorgt für das obligatorische Finale.
Nach Angaben des Veranstalters benötigen die meisten Besucher etwa 45 bis 60 Minuten für den Rundgang. Eine feste Aufenthaltsdauer gibt es nicht, allerdings bestimmen getaktete Showelemente das Tempo innerhalb der Ausstellung.



Gelungener Auftakt im Hammond-Labor
Bis zum sogenannten Hammond-Labor funktioniert die Verbindung aus Filmkulisse und Wissensvermittlung besonders gut. Der Raum erinnert an jene Mischung aus Forschung, Technik und Größenwahn, die bereits den ersten „Jurassic Park“-Film prägte. Für kurze Zeit scheint es, als wolle die Ausstellung nicht nur Figuren zeigen, sondern auch etwas über Dinosaurier und ihre Erforschung erzählen.



Danach verabschiedet sich die Experience fast vollständig von jeder sachlichen Einordnung. Fundorte, Erdzeitalter, Anatomie und neue Erkenntnisse der Paläontologie spielen kaum noch eine Rolle. Stattdessen konzentriert sich der Rundgang auf bekannte Filmfiguren, Showeffekte und Fotomotive.
Blue folgt ihrem Raptor Handler durch den Käfig
Spätestens beim Auftritt von Velociraptor Blue wird aus dem Rundgang eine Theaterszene. Hinter Gittern tritt ein sogenannter Raptor Handler auf, der Blue unter Kontrolle halten soll. Er läuft durch den Käfig, gestikuliert energisch und spricht in sein Mikrofon, während ihm der Darsteller im Raptorenkostüm folgt.



Die außergewöhnlich tiefe und professionelle Stimme kommt erkennbar vom Band. Das Playback ist allerdings präzise. Die Lippenbewegungen passen besser zur Tonspur als bei mancher hochgelobten Synchronfassung eines amerikanischen Films. Auch der dafür eingesetzte Lautsprecher funktioniert tadellos und überträgt die Stimme klar und druckvoll.
Inhaltlich bleibt die Szene überschaubar: Der Raptor Handler läuft voraus, Blue läuft hinterher. Welche besonderen Fähigkeiten der Raptor dabei zeigen soll, erschließt sich nicht. Von der Intelligenz und Gefährlichkeit, die den Velociraptoren in den Filmen zugeschrieben werden, bleibt vor allem eine effektvoll gespielte Verfolgungsrunde hinter Gittern.
Lautsprecher aus der Jurazeit
Während das Playback der Raptorenszene technisch einwandfrei funktioniert, zeigt die Sprachübertragung an den einzelnen Stationen ein völlig anderes Niveau. Die dort eingesetzten Aufsichten sprechen über Lautsprecher, deren krächzender Klang tatsächlich aus der Jurazeit stammen könnte. Ganze Sätze bleiben unverständlich.



Gleichzeitig liefern die fest eingebauten Wandlautsprecher künstliche Dramatöne, die ankündigen sollen, dass gleich etwas Bedeutendes geschieht. Musik ist das nicht, sondern eine akustische Spannungskulisse.
Das Problem liegt damit nicht an der gesamten Tontechnik der Ausstellung, sondern gezielt bei den Sprachverstärkern der Stationsaufsichten. Gerade deren Erklärungen und Anweisungen sollen das Publikum durch die streng getakteten Szenen führen. Wenn diese Informationen im Krächzen untergehen, helfen auch lebensgroße Dinosaurier und aufwendig gestaltete Kulissen nur begrenzt weiter.
Bumpy begeistert Kinder und Erwachsene
Zu den interaktiven Momenten gehört die Begegnung mit Baby-Dinosauriern. Darunter befindet sich Bumpy aus der Animationsserie „Jurassic World: Neue Abenteuer“. Besucher dürfen das Tier berühren und fotografieren.



Kinder nehmen das Angebot erwartungsgemäß begeistert an. Doch auch zahlreiche Erwachsene reagieren, als hätten sie das Dinosaurierei gerade persönlich ausgebrütet. Als Familienunterhaltung funktioniert dieser Programmpunkt. Inhaltliche Tiefe ersetzt er nicht.
Der Kinofilm erklärte mehr Paläontologie
Trotz der technischen und inhaltlichen Schwächen funktioniert die Ausstellung für Familien mit jüngeren Kindern und eingefleischte Fans der Filmreihe. Lebensgroße Figuren, aufwendige Kulissen und zahlreiche Fotomotive sorgen für Unterhaltung.



Bemerkenswert bleibt der Vergleich mit dem ersten „Jurassic Park“-Film. Trotz aller Fiktion vermittelte dieser mehr Paläontologie als die Experience. Ausgrabungen, Fossilien, Anatomie und die berühmte Raptorenkralle spielten dort zumindest eine erkennbare Rolle. Der Film erklärte sogar, weshalb Velociraptoren gefährlich waren, anstatt sie lediglich durch einen Käfig laufen zu lassen.
Die Ausstellung behauptet nicht, ein Naturkundemuseum zu sein. Sie versteht sich ausdrücklich als begehbares Erlebnis innerhalb der Filmwelt. Trotzdem verschenkt sie die Chance, Unterhaltung mit wenigen verständlichen und fachlich belastbaren Informationen zu verbinden. Das hätte weder die Dramaturgie gestört noch jüngeren Besuchern den Spaß genommen.
Starke Bilder, wenig Biss
„Jurassic World – The Experience“ ist ein international produziertes Live-Erlebnis von Universal Live Entertainment, NEON und Animax Designs. Semmel Exhibitions brachte die Produktion nach München. Das Konzept gastierte zuvor bereits in zahlreichen internationalen Metropolen.
Die Ausstellung bietet lebensgroße Dinosaurier, aufwendige Filmkulissen und wirkungsvolle Fotomotive. Wer bekannte Figuren aus dem Franchise möglichst nah erleben will, bekommt genau das. Wer etwas über echte Dinosaurier erfahren will, findet in einem Naturkundemuseum deutlich mehr Substanz.
So bleibt eine handwerklich aufwendige und optisch eindrucksvolle Erweiterung des Film-Franchise. Sie macht Spaß, solange niemand nach Fossilien, Forschung oder wissenschaftlicher Einordnung fragt. Blue folgt ihrem Raptor Handler, die Lautsprecher krächzen und das Publikum jubelt. Nur die inhaltliche Kralle fehlt.
