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Wo die Sonne Riemenschneiders Figuren zum Leben erweckt

D-Creglingen [SiSt24 Media] Das Lichtwunder in der Creglinger Herrgottskirche

Ein Fund im Acker begründete die Herrgottskirche bei Creglingen. Ihren heutigen Ruhm verdankt sie jedoch vor allem Tilman Riemenschneider. Mit seinem mehr als neun Meter hohen Marienaltar schuf der Würzburger Bildschnitzer ein Werk, das ohne Farbe auskommt und sich im wechselnden Tageslicht ständig neu zeigt. In der zweiten Augusthälfte übernimmt die Abendsonne einen besonderen Teil dieser Inszenierung.

Ein Bauer, ein Pflug und eine Hostie

Der Überlieferung nach pflügte ein Bauer am 10. August 1384 einen Acker im Herrgottstal südlich von Creglingen. In der aufgerissenen Erde entdeckte er eine unversehrte Hostie. Der Fund galt in der Glaubenswelt des späten Mittelalters als göttliches Zeichen. Bald kamen Pilger an die Stelle, Berichte über Gebetserhörungen und Wunder verbreiteten sich.

Die Brüder Konrad und Gottfried von Hohenlohe-Brauneck stifteten dort eine Kapelle. Bereits am 21. März 1389 wurden die ersten beiden Altäre geweiht. Die Weihe des Chores und seines Altars folgte 1396. Aus dem vermeintlich unscheinbaren Fundort entwickelte sich eine viel besuchte Wallfahrtsstätte.

Tilman Riemenschneider erreicht den Höhepunkt seines Schaffens

Mehr als ein Jahrhundert später erhielt die Herrgottskirche ihr bedeutendstes Kunstwerk. Tilman Riemenschneider schuf den Marienaltar vermutlich zwischen 1505 und 1510. Der um 1460 geborene Bildhauer hatte sich 1483 in Würzburg niedergelassen und bereits zwei Jahre später den Meistertitel erworben. Um die Wende zum 16. Jahrhundert gehörte seine Werkstatt zu den angesehensten Bildhauerbetrieben der Region.

Kurz vor dem Creglinger Altar war in der Rothenburger Jakobskirche Riemenschneiders Heilig-Blut-Altar entstanden. Beide Werke zeigen, wie souverän der Meister Architektur, Figuren und religiöse Erzählung miteinander verband. Schriftliche Unterlagen über den Creglinger Auftrag sind nicht erhalten. Wer den Altar bestellte, wie hoch die Vergütung ausfiel und welchen Anteil Mitarbeiter seiner Werkstatt übernahmen, lässt sich daher nicht mehr vollständig klären.

Ein Altar mitten in der Kirche

Der Marienaltar steht nicht im Chorraum, sondern mitten im Kirchenschiff. Diese ungewöhnliche Position erklärt sich durch die Geschichte des Ortes. Der Altar befindet sich über jener Stelle, an der die Hostie der Überlieferung nach gefunden wurde.

Mit einer Höhe von rund 9,20 Metern und einer Breite von 3,68 Metern ragt das Retabel weit in den Kirchenraum. Der tragende Aufbau besteht überwiegend aus Föhrenholz. Für die Figuren und fein ausgearbeiteten Details verwendete Riemenschneider Lindenholz. Das weichere Material ermöglichte ihm jene präzise Bearbeitung, die bis heute an Gesichtern, Händen, Haaren und Gewändern sichtbar ist.

Der Altar erscheint heute ohne farbige Fassung. Ob eine Bemalung ursprünglich vorgesehen war, ist nicht abschließend geklärt. Gerade die sichtbare Holzoberfläche prägt jedoch seine Wirkung. Statt kräftiger Farben modellieren Licht und Schatten die Figuren. Schon kleine Veränderungen des Lichteinfalls lassen Gesichter hervortreten, Falten tiefer erscheinen oder einzelne Gestalten im dunklen Schrein zurückweichen.

Maria im Zentrum der Bewegung

Im Mittelschrein zeigt Riemenschneider die Himmelfahrt Marias. Die Gottesmutter erhebt sich inmitten der zwölf Apostel. Ihre Figur steht nicht steif über der Gruppe, sondern scheint von einer unsichtbaren Kraft nach oben getragen zu werden. Die Apostel reagieren unterschiedlich: Einige blicken ihr nach, andere wenden sich einander zu oder versuchen, das Geschehen zu begreifen.

Die dicht zusammengedrängten Figuren erzeugen eine Bewegung, die sich durch den gesamten Schrein zieht. Riemenschneider erzählt die Szene nicht mit großen, theatralischen Gesten. Er konzentriert sich auf Blicke, Körperhaltungen und fein abgestufte Reaktionen. Gerade diese stillen Beobachtungen geben seinen Figuren ihre Individualität.

Auf den Seitenflügeln folgen weitere Stationen aus dem Leben Marias. Zu sehen sind die Verkündigung, die Begegnung mit Elisabeth, die Geburt Jesu und seine Darstellung im Tempel. Im filigranen Gesprenge über dem Mittelschrein findet die Erzählung ihren Abschluss: Gottvater und Christus erwarten Maria zur Krönung im Himmel.

Die Hostie bleibt im Altar gegenwärtig

Auch die Predella unter dem Mittelschrein nimmt Bezug auf die Entstehung der Herrgottskirche. Links zeigt Riemenschneider die Anbetung der Weisen. Rechts spricht der junge Jesus vor einer Gruppe erwachsener Zuhörer. Die Darstellung folgt nicht der bekannteren biblischen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel, sondern einer außerbiblischen Überlieferung, nach der er bereits im Alter von fünf Jahren öffentlich gesprochen haben soll.

Zwischen beiden Szenen befindet sich ein leeres Reliquienfach. Dort stand vermutlich einst die Monstranz mit jener Hostie, auf die die Gründung der Kirche zurückgeführt wird. Die Reliquie ging später verloren. Das leere Fach blieb zurück und verbindet Riemenschneiders Kunstwerk bis heute mit dem Wunder aus der Ackerfurche.

Hat Riemenschneider sein Gesicht hinterlassen?

In der rechten Szene der Predella sitzt ein Mann, dessen markantes Gesicht sich von den übrigen Zuhörern abhebt. Die Figur wird häufig als mögliches Selbstbildnis Tilman Riemenschneiders bezeichnet. Der Mann wirkt nicht wie eine beiläufig geschnitzte Nebenfigur. Seine individuellen Gesichtszüge und seine auffallende Präsenz ziehen den Blick auf sich.

Beweisen lässt sich die Vermutung nicht. Riemenschneider hat den Altar weder sichtbar signiert noch eine gesicherte Darstellung seiner eigenen Person hinterlassen. Trotzdem besitzt die Deutung ihren Reiz. Vielleicht blickt der Meister tatsächlich aus seinem eigenen Werk. Vielleicht zeigt die Figur nur einen unbekannten Zeitgenossen, dessen Gesicht Riemenschneider besonders genau studierte.

Wenn die Sonne den Altar modelliert

In der zweiten Augusthälfte fällt die tief stehende Abendsonne durch die Fensterrosette an der Westseite der Kirche. Ihr Licht erreicht den Marienaltar und wandert langsam über Figuren, Gesichter und Gewandfalten. Einzelne Gestalten treten für kurze Zeit aus dem dunkleren Schrein hervor. Besonders Maria scheint sich dabei optisch aus der Gruppe der Apostel zu lösen.

Das Schauspiel ist als „Creglinger Lichtwunder“ bekannt. Es lässt sich jährlich ungefähr vom 15. bis zum 31. August beobachten. Beginn und Intensität hängen vom Wetter und vom jeweiligen Sonnenstand ab. Während der Beobachtungszeit wird die künstliche Beleuchtung reduziert.

Ob Riemenschneider und seine Auftraggeber diesen Effekt gezielt planten, ist nicht dokumentiert. Die Position des Altars und die westliche Fensterrosette bilden jedoch ein bemerkenswertes Zusammenspiel. Sicher ist: Das ungefasste Holz reagiert besonders stark auf das wandernde Licht. Die Sonne verleiht den geschnitzten Figuren für kurze Zeit eine Plastizität, die bei gleichmäßiger künstlicher Beleuchtung kaum zu erkennen ist.

Ein Werk überdauert die Reformation

Mit der Einführung der Reformation im Markgraftum Brandenburg-Ansbach endete um 1530 die katholische Wallfahrt. Die Herrgottskirche wurde evangelisch-lutherisch. Der Marienaltar überstand den religiösen Umbruch und rückte im 19. Jahrhundert erneut in das öffentliche Bewusstsein.

Riemenschneider selbst erlebte wenige Jahre nach der Fertigstellung des Altars einen tiefen Einschnitt. Der angesehene Würzburger Ratsherr und zeitweilige Bürgermeister geriet während des Bauernkrieges von 1525 zwischen die politischen Fronten. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde er inhaftiert und verlor seine öffentlichen Ämter. Seine Werkstatt erreichte danach nicht mehr ihre frühere Bedeutung. Riemenschneider starb 1531 in Würzburg.

Die Herrgottskirche steht heute rund einen Kilometer südlich des Creglinger Stadtkerns. Romantische Straße und Taubertalradweg führen an ihr vorbei. Viele Besucher kommen wegen des berühmten Marienaltars. Wer näher an das Werk herantritt, entdeckt jedoch keine erstarrte Ansammlung mittelalterlicher Heiliger. Riemenschneiders Apostel zweifeln, staunen, beobachten und reagieren. Vielleicht sitzt sogar der Meister selbst mitten unter ihnen.

Informationen für Besucher

Die Öffnungszeiten der Herrgottskirche und die Eintrittspreise ändern sich je nach Jahreszeit. Für das Creglinger Lichtwunder gelten wetterabhängige Beobachtungszeiten. Aktuelle Angaben veröffentlicht die Stadt Creglingen unter www.creglingen.de. Weitere Informationen zur Kirche und zu Veranstaltungen stehen unter www.herrgottskirche.de.

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