Zwischen Walross-Nase und Feuerinferno: Formel 1 zum Anfassen
D-München [SiSt24 Media] Formel-1-Wagen kennt das Publikum meist als vorbeirasende Farbflecken im Fernsehen. In der Formula 1 Ausstellung im Münchner Pineapple Park stehen sie dagegen bewegungslos und aus nächster Nähe vor den Besuchern. Auf rund 3.000 Quadratmetern verbindet die Schau originale Rennwagen mit seltenen Exponaten, historischen Aufnahmen, technischen Erklärungen und multimedialen Inszenierungen. Dabei geht es nicht nur um Geschwindigkeit und Weltmeistertitel, sondern auch um Konstruktion, Rivalität, schwere Unfälle und die Entwicklung der Sicherheit.



Sechs Rennwagen aus unterschiedlichen Epochen bilden das Herzstück. Der Ferrari 312B erinnert mit seiner flachen Karosserie und dem Zwölfzylindermotor an eine Zeit, in der Aerodynamik noch vergleichsweise überschaubar erschien. Jacky Ickx, Mario Andretti und Clay Regazzoni gehören zu den bekannten Fahrern, die diesen Fahrzeugtyp bewegten. Aus heutiger Sicht wirkt der Ferrari beinahe zierlich. Gerade dieser Vergleich macht sichtbar, wie stark Abmessungen, Schutzstrukturen und aerodynamische Flächen im Laufe der Jahrzehnte gewachsen sind.



Einen deutlichen Kontrast bildet der Benetton B186 aus der Turboperiode der 1980er-Jahre. Mit seinem BMW-Motor führte er Gerhard Berger beim Großen Preis von Mexiko 1986 zum ersten Sieg des Benetton-Teams. Der Wagen steht für eine Ära extremer Motorleistungen und vergleichsweise begrenzter elektronischer Kontrolle. Damals verlangten die Fahrzeuge ihren Fahrern nicht nur Mut, sondern auch einen ausgesprochen sensiblen Umgang mit der brachial einsetzenden Leistung ab.



Der Red Bull RB16B bringt die jüngere Formel-1-Geschichte in die Ausstellung. Max Verstappen gewann mit diesem Fahrzeug 2021 seinen ersten Weltmeistertitel. Daneben zeigt der Mercedes W02 die Aufbauphase des Mercedes-Werksteams. Michael Schumacher und Nico Rosberg fuhren das Auto in der Saison 2011, einige Jahre bevor Mercedes die Weltmeisterschaft über einen langen Zeitraum dominierte.
Dass nicht jedes aufwendig entwickelte Fahrzeug tatsächlich ein Rennen bestreitet, beweist der Toyota TF110. Toyota konstruierte den Wagen für die Saison 2010, zog sich jedoch noch vor dessen Einsatz aus der Formel 1 zurück. Ohne Motorverkleidung erlaubt das Fahrzeug einen Blick auf technische Strukturen, die bei einem einsatzbereiten Rennwagen normalerweise verborgen bleiben. Der TF110 erzählt damit weniger von sportlichen Erfolgen als von den enormen Kosten, dem Zeitdruck und dem Risiko eines Formel-1-Projekts.



Unübersehbar ist der Williams FW26 aus dem Jahr 2004. Seine ungewöhnliche Frontpartie erhielt schnell den Spitznamen „Walross-Nase“. Ralf Schumacher und Juan Pablo Montoya gingen mit dem Fahrzeug an den Start. Das Konzept setzte sich nicht dauerhaft durch, steht aber bis heute für den Mut der Ingenieure, auch auffällige technische Wege zu erproben. In der Formel 1 entscheidet schließlich nicht das gefälligste Design, sondern die Rundenzeit.
Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf aufgereihte Rennwagen. Der Raum „Once Upon a Time in Formula 1“ führt mit Fotografien, Filmen, Interviews und Erinnerungsstücken durch die Geschichte der seit 1950 ausgetragenen Weltmeisterschaft. „Drivers and Duels“ stellt Fahrerpersönlichkeiten, große Rivalitäten und prägende Rennmomente in den Mittelpunkt. Im „Design Lab“ lässt sich nachvollziehen, wie aus Berechnungen, Modellen und einzelnen Komponenten ein Formel-1-Wagen entsteht. „Revolution by Design“ zeigt technische Neuerungen, die den Rennsport veränderten und teilweise später ihren Weg in andere Fahrzeugbereiche fanden.



Besonders eindringlich wirkt der Bereich „Survival“. Dort sind die ausgebrannten Überreste des Haas-Rennwagens von Romain Grosjean zu sehen. Beim Großen Preis von Bahrain 2020 durchschlug das Fahrzeug nach einem Unfall die Leitplanke, wurde auseinandergerissen und ging in Flammen auf. Grosjean konnte sich aus dem brennenden Wrack retten. Die erhaltenen Fahrzeugteile und die begleitenden Aufnahmen machen deutlich, dass sein Überleben kein bloßer Glücksfall war. Monocoque, Halo-System, Schutzkleidung und Rettungsorganisation wirkten in einem Unfall zusammen, der in früheren Jahrzehnten vermutlich tödlich geendet hätte.
Einen eigenen Blick auf den deutschen Anteil an der Formel-1-Geschichte eröffnet „German Drive“. Fahrer wie Michael Schumacher, Sebastian Vettel, Nico Rosberg, Ralf Schumacher und Nico Hülkenberg stehen ebenso für diese Geschichte wie Mercedes, Audi, der Nürburgring und der Hockenheimring. Damit wird deutlich, dass Deutschlands Rolle in der Königsklasse weit über einzelne Weltmeistertitel hinausreicht.
Wer nicht nur schauen will, nimmt im Rennsimulator Platz. Auf dem virtuellen Red Bull Ring zählt jede Kurve, während die typische, beinahe liegende Sitzposition bereits vor dem Start zeigt, wie wenig ein Formel-1-Cockpit mit einem normalen Fahrersitz gemeinsam hat. Im Eingangsbereich wartet zudem ein McLaren in Originalgröße, zusammengesetzt aus rund 400.000 Legosteinen. Lando Norris und Oscar Piastri fuhren mit einem solchen Modell vor dem Miami Grand Prix 2025 sogar über die Rennstrecke.



Die Mischung aus Originalfahrzeugen, Technik, Zeitgeschichte und persönlichen Schicksalen macht den Rundgang auch für Besucher interessant, die nicht jedes Rennen verfolgen. Die Ausstellung zeigt die Formel 1 als Hochleistungslabor, großes Geschäft und gefährlichen Sport. Zwischen dem filigranen Ferrari, der eigenwilligen Walross-Nase und Grosjeans ausgebranntem Haas wird sichtbar, wie eng Faszination und Risiko seit jeher miteinander verbunden sind.
