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Automuseum PROTOTYP: Porsche-Geschichte im Kellergewölbe der HafenCity

Wer durch die Speicherstadt läuft und dann an der Nahtstelle zur HafenCity in ein backsteinernes Kellergewölbe hinabsteigt, rechnet eher mit Kaffeesäcken als mit einem Formel-Junior-Rennwagen von 1960. Genau das findet sich aber im Automuseum PROTOTYP in der Shanghaiallee: gewölbte Kellerräume, in denen Porsche-Geschichte, Rennsportbiografien und ein paar sehr eigenwillige österreichische Bastler nebeneinanderstehen. Wer ein normales Oldtimermuseum mit aufgereihten Blechkarossen erwartet, wird hier eher überrascht – es geht weniger um Vollständigkeit als um einzelne, oft skurrile Geschichten hinter den Fahrzeugen.

Der Fetzenflieger und ein Mann mit einem Arm

Eines der ungewöhnlichsten Fahrzeuge der Sammlung trägt einen Spitznamen, den sich niemand hätte ausdenken müssen: Otto Mathé nannte seinen 1952 gebauten Rennwagen selbst liebevoll „Blechbüchse“, der Rest der Welt kennt ihn als „Fetzenflieger“. Mathé, dem der rechte Arm gelähmt war, baute die MA-01 aus frühen VW- und Porsche-Teilen auf einem Rohrrahmen-Chassis zusammen, mit Vorder- und Hinterachse eines VW „Berlin-Rom-Wagens“. Weil er nur mit dem linken Arm schalten konnte, presste er sich in Kurven mit der Brust gegen das Lenkrad, um es nicht zu verreißen. Den Namen verdankt der Wagen seinen seitlichen Motorraumabdeckungen: Sie waren mit Textil bespannt, das zugleich als Luftfilter diente. Bei einer Fehlzündung entzündete sich der Stoff und flog in Fetzen über die Rennbahn. Trotzdem, oder gerade deswegen, war der Fetzenflieger der erfolgreichste österreichische Rennwagen der 1950er Jahre – vor allem bei Eisrennen auf zugefrorenen Seen, wo Mathé als Driftexperte kaum zu schlagen war. Für seine Werbefahrten nutzte er später einen VW Transporter T1, an dem er das Firmenlogo kurzerhand umbaute: Aus dem „VW“ wurde ein „M“ für Mathé.

Vom Käfer-Motor bis zum Le-Mans-Prototyp

Wie eng die Geschichte von Volkswagen und Porsche verflochten ist, zeigt eine Vitrine mit einem freigelegten Boxermotor, direkt vor einer großformatigen Nachkriegsaufnahme einer Werkstatt, in der eine Arbeiterin den Lack eines Käfers poliert. Von diesem frühen Vierzylinder aus der Massenmotorisierung der Nachkriegsjahre bis zu den Rennsportprototypen, mit denen Porsche jahrzehntelang in Le Mans startete, ist es im Museum nur ein paar Schritte. Ein maßstabsgetreues Modell des Porsche 919 Hybrid – mit Sponsorenschriftzügen von Schaeffler, Michelin und Chopard – erinnert daran, dass aus den frühen Prototypen der 1950er Jahre eine Werksrennsport-Tradition wurde, die bis in die Gegenwart der Langstrecken-WM reicht. Dazwischen liegt der Porsche 356 mit der Chassisnummer 5006, nach Museumsangaben der älteste noch existierende, in Deutschland gebaute Porsche-Sportwagen. Der Wagen glänzte 1950 auf Automessen in Reutlingen und Berlin, bevor er in Vergessenheit geriet – erst 2013 wurde er in einem verwilderten Garten wiederentdeckt und seither restauriert.

Ferdinand Porsche, ein Rennfahrer-Adliger und ein tödlicher Unfall

Ein Vitrinenstück wirkt zunächst unscheinbar: ein weißes Spielzeugauto mit der Aufschrift „Polizei“, daneben ein Orden in rotem Samtetui und ein maschinengeschriebener Brief. Der Brief stammt von Ferdinand Porsche persönlich, adressiert an einen „Herrn Müller“ zu dessen 65. Geburtstag – ein kleines Zeugnis, wie eng die Firmengeschichte mit persönlichen Beziehungen verwoben war. Weniger persönlich, dafür umso dramatischer, ist die Geschichte hinter dem Rennwagen mit der internen Bezeichnung TCA Nr. 001. Wolfgang Graf Berghe von Trips wandte sich im Herbst 1959 an den italienischen Konstrukteur Valerio Colotti mit der Idee, einen Formel-Junior-Rennwagen mit Auto-Union-Technik zu bauen. Zusammen mit dem Ferrari-Karosserier Fantuzzi entstand im Frühjahr 1960 dieser Prototyp, den Trips selbst bei Testfahrten optimierte; sein Renndebüt gab der Wagen beim Formel-Junior-Grand-Prix von Monaco. Ende April 1961 verunglückte der Nachwuchsfahrer Erich Bode bei Testfahrten auf dem Nürburgring tödlich. Trips selbst sollte den Wagen nicht mehr lange überleben: Wenige Monate später, kurz vor dem Großen Preis von Italien in Monza, notierte er sich Gedanken darüber, warum Menschen sich überhaupt der Gefahr des Rennsports aussetzen – Monza 1961 wurde der Ort, an dem er bei einem Massenunfall ums Leben kam.

Vom Auto-Museum Hillers zur Sammlung in der Speicherstadt

Nicht jedes Fahrzeug in der Sammlung war schon immer in Hamburg. Ein kleiner Kleinstwagen etwa wechselte in den 1950er Jahren dreimal den Besitzer, bevor er ins Auto-Museum Hillers nach Tremsbüttel bei Hamburg kam. Als dieses Museum Ende der 1990er Jahre aufgelöst wurde, ging der Wagen in die USA und stand dort jahrelang im Microcar Museum von Bruce Weiner – bevor er seinen Weg zurück nach Deutschland fand. Auch eine andere Hamburger Institution taucht in den Museumstexten auf: Der plötzliche Tod des Rennfahrers Cuno Bistram bei einem Verkehrsunfall im Februar 1973 beendete abrupt eine beliebte Fahrattraktion im Tierpark Hagenbeck. Solche Fundstücke geben dem Museum seinen eigentlichen Reiz: Es dokumentiert nicht nur Fahrzeugtechnik, sondern auch, wie Automobilgeschichte und norddeutsche Stadtgeschichte sich über Jahrzehnte hinweg verzahnt haben – von einer Hamburger Auktionshalle bis in ein amerikanisches Microcar-Museum und wieder zurück.

Praktische Infos: Das Automuseum PROTOTYP liegt in der Shanghaiallee 7, 20457 Hamburg, an der Nahtstelle zwischen Speicherstadt und HafenCity. Geöffnet ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene rund 12 Euro, Kinder von 4 bis 14 Jahren zahlen etwa 5 Euro, jüngere Kinder haben freien Eintritt. Erreichbar ist das Museum mit der Buslinie 111 (Haltestelle Koreastraße) oder den U-Bahn-Linien U1 (Meßberg) und U4 (HafenCity Universität). Das Museum ist barrierefrei zugänglich.

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