Der Garten hinter der Fassade: Wie der Würzburger Hofgarten zum Weltkulturerbe wurde



D-Würzburg [SiSt24] Wer vor der Würzburger Residenz steht, sieht die Fassade, den Ehrenhof, den Frankonia-Brunnen. Was viele Besucher übersehen: Direkt hinter dem Gebäude erstreckt sich eine der bedeutendsten Gartenanlagen des süddeutschen Rokoko, frei zugänglich, kostenlos und bis heute gepflegt nach den Prinzipien, die ihr Schöpfer im 18. Jahrhundert festgelegt hat. Der Hofgarten gehört seit 1981 gemeinsam mit der Residenz und dem Residenzplatz zum UNESCO-Weltkulturerbe, und wer ihn besucht, merkt schnell, dass dieser Status keine bloße Formsache ist.
Ein Hofgärtner mit Ambitionen
Seinen heutigen Charakter verdankt der Garten Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim, der von 1755 bis 1779 über das Hochstift Würzburg regierte, und seinem Hofgärtner Johann Prokop Mayer. Mayer, 1735 im böhmischen Raum geboren und 1804 gestorben, war weit mehr als ein ausführender Handwerker. Er verstand sich als Gartenkünstler und Gelehrter zugleich und hinterließ mit seiner dreibändigen „Pomona Franconica“ ein umfassendes Standardwerk über die Obstsorten Frankens, das die im Hofgarten kultivierten Arten bis ins Detail dokumentiert.
Seine Aufgabe war anspruchsvoll: Das Gelände hinter der Residenz fällt nach Süden und Osten hin ab, ein unebener Untergrund, der sich nicht ohne Weiteres in die strenge Geometrie eines barocken Gartens zwingen ließ. Mayer löste das Problem, indem er die Fläche in drei etwa gleich große Bereiche gliederte: den Ostgarten, den Südgarten und eine Gärtnerei zur Anzucht von Pflanzen, die im übrigen Garten verwendet wurden.



Der Ostgarten: Fortsetzung der großen Achse
Der Ostgarten nimmt die zentrale Achse der Residenz auf und führt sie in die Gartenanlage hinein fort, ein typisches Prinzip barocker Gartenkunst, bei dem Architektur und Landschaft als Einheit gedacht werden. Dominiert wird der Bereich von einem großen, kreisrunden Broderieparterre, jenen aus Buchsbaum geschnittenen Ornamentbeeten, die dem Garten seinen französischen Namen und Charakter verleihen. Ursprünglich hatte Mayer sogar eine Kaskade geplant, die das abfallende Gelände in Richtung der Bastion stufenweise überwunden hätte. Zur Ausführung kam sie nie, aus welchen Gründen genau, lässt sich heute nicht mehr im Detail rekonstruieren, vermutlich spielten Kosten und der ohnehin ambitionierte Zeitplan der Residenz eine Rolle.



In den vergangenen Jahren hat die Bayerische Schlösserverwaltung die historischen Blumenbeete im Ostgarten nach alten Plänen rekonstruiert und mit Sorten bepflanzt, die im 18. Jahrhundert tatsächlich zur Verfügung standen. Der Unterschied zu einer rein modernen Bepflanzung ist durchaus sichtbar, wer genau hinschaut, erkennt eine Farbpalette und Anordnung, die eher gedeckt und geordnet wirkt als das, was man aus heutigen öffentlichen Grünanlagen gewohnt ist.
Der Südgarten: Strenge statt Blütenpracht
Ganz anders präsentiert sich der Südgarten. Wo der Ostgarten mit Blumenrabatten und Ornamenten arbeitet, setzt der Südgarten auf klare Formen: Acht große, zu Kegeln geschnittene Eibenbäume umstehen ein rundes Wasserbecken, eine reduzierte, fast strenge Komposition, die im Kontrast zum blühenden Ostgarten steht. Auch im Südgarten wurden in den letzten Jahren historische Blumenrabatten wiederhergestellt, sodass beide Gartenteile heute in etwa den Zustand zeigen, den sie zu Mayers Zeit gehabt haben dürften.



Der Küchengarten und Mayers Erbe
Unterhalb der Orangerie liegt der frühere Küchengarten, der 2001 mit jungen Obstbäumen neu bepflanzt wurde, ausgeführt in alten Schnitttechniken, wie sie schon im 18. Jahrhundert üblich waren. Diese Wiederbelebung schließt sich unmittelbar an Mayers eigenes Werk an: In seiner „Pomona Franconica“ beschrieb er detailliert, welche Obstsorten in Franken kultiviert wurden und wie sie zu pflegen waren, ein Werk, das teilweise noch heute als Referenz für die Gartendenkmalpflege der Residenz dient. Der Hofgarten ist damit kein reines Museumsstück, sondern eine Anlage, die weiterhin bewirtschaftet und gepflegt wird, ganz im Sinne ihres ursprünglichen Gestalters.
Weltkulturerbe ohne Eintrittskarte
Seit 1981 zählt der Hofgarten gemeinsam mit der Residenz zum UNESCO-Weltkulturerbe, als Teil einer der bedeutendsten Barock- und Rokokoanlagen nördlich der Alpen. Ungewöhnlich ist dabei, dass ausgerechnet dieser Teil des Welterbes ohne jede Eintrittskarte zugänglich ist: Der Hofgarten ist täglich bis zum Einbruch der Dunkelheit geöffnet, längstens bis 20 Uhr, und kostet keinen Cent Eintritt. Wer die Residenz besichtigt, dem sei ein anschließender Spaziergang ausdrücklich empfohlen, allein schon, um den Kontrast zwischen dem geometrischen Ostgarten und dem strengeren Südgarten selbst zu erleben.



Zu beachten ist eine aktuelle Einschränkung: Am 7. und 8. August 2026 muss der Hofgarten wegen Großveranstaltungen auf dem Residenzplatz bereits ab 16 Uhr geschlossen werden, ein Hinweis, den Besucher an diesen beiden Tagen einplanen sollten.
Praktische Informationen für den Besuch
Der Hofgarten ist ganzjährig und kostenlos zugänglich, geöffnet täglich bis zum Einbruch der Dunkelheit, längstens bis 20 Uhr. Ein Gartenplan zur Orientierung sowie weitere Informationen zu Gartendenkmalpflege und der Formobstkultur im Küchengarten finden sich auf der Website der Bayerischen Schlösserverwaltung. Kombinieren lässt sich der Gartenbesuch problemlos mit einer Besichtigung der Residenz selbst oder der angrenzenden, ebenfalls kostenlosen Hofkirche.
Weitere Informationen: www.residenz-wuerzburg.de
Aktuelle Hinweise und Veranstaltungen: über die Website der Residenz Würzburg
