Der Keller unter dem Weltkulturerbe: Wie Würzburgs Residenz auch unterirdisch Geschichte schreibt
Würzburg [SiSt24] Die meisten Besucher der Würzburger Residenz schauen nach oben: zur Treppenhausdecke, zu Tiepolos Fresken, zum Kaisersaal. Kaum jemand denkt daran, dass unter ihren Füßen ein zweites Bauwerk liegt, das genauso viel über den Ehrgeiz der Fürstbischöfe erzählt wie alles darüber. 4.557 Quadratmeter Gewölbe, 891 Meter Kellergänge, sieben unterschiedliche Kellerteile und ein Tunnel, der beide Flügel der Residenz verbindet. Der Residenzweinkeller ist kein Anhängsel, sondern von Anfang an mitgeplant, und das im wörtlichen Sinn.



Ein Keller als Bauauftrag
1719 beauftragte Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn den Baumeister Balthasar Neumann mit der neuen Residenz. In der Auftragsbeschreibung stand nicht nur „Residenz“, sondern ausdrücklich auch ein „vorzüglicher Weinkeller“. Für einen Fürstbischof, dessen Hofhaltung ohne Wein kaum denkbar war, war das keine Nebensache. Im Mai 1720 folgte die Grundsteinlegung, mit der für Barockbauten dieser Größenordnung üblichen Zeremonie samt Urkunde, die den Beginn eines Projekts dokumentierte, das erst 1744 im Rohbau und in der Innenausstattung sogar erst 1780 vollendet war.



Neumann selbst plante die Gewölbe mit bis zu fünf Meter dicken Außenwänden und einer Spannweite von zehn Metern, eine Ingenieursleistung, die zwei Etagen darüber sogar das fürstbischöfliche Theater trug, heute die Gemäldegalerie. Wer durch den ovalen Rondellkeller geht, läuft buchstäblich unter einem Gebäudeteil hindurch, dessen Last eine einzige mächtige Mittelsäule und teils doppelte Außenwände abfangen. Architektur, die nach oben sichtbar glänzt und nach unten trägt.
Ein Rundgang durch sieben Keller
Das Herzstück ist der Stückfasskeller: 100 Holzfässer zu je etwa 1.200 Litern, das „Stück“ war die alte fränkische Maßeinheit dafür, aufgereiht auf einem historischen Doppellager. Dazu eine Weinpresse aus dem 18. Jahrhundert und ein Kronleuchter, der dem Raum bei Weinproben ein fast festliches Licht gibt. Bis zu 160 Personen finden hier Platz, bei Bedarf lässt sich über den benachbarten Kammerkeller und Rondellkeller auf 320 erweitern.








Der Kammerkeller liegt dem Stückfasskeller spiegelbildlich gegenüber und diente einst der Lagerung besonders erlesener fürstbischöflicher Weine. Im Deputatsweinkeller, den viele Würzburger auch Beamtenfasskeller nennen, stehen drei gewaltige Fässer aus dem Jahr 1784. Aus ihnen floss über zweihundert Jahre lang ein Teil des Solds der Hofbediensteten, ausgezahlt in Wein statt in Münzen. Ob die Qualität dabei immer überzeugte, ist eine andere Frage: Weil die Fässer aus dem Zehnt der Winzer gefüllt wurden und die ihren besten Tropfen erfahrungsgemäß lieber selbst behielten, dürfte der Hofbedienstetenwein eher solide als herausragend gewesen sein.
In der Bacchusecke, benannt nach dem römischen Weingott, befand sich bis 1945 die Schatzkammer mit den kostbarsten Weinen des Hofkellers. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde sie später als moderner Weinprobenraum wieder aufgebaut und bietet heute Platz für bis zu 70 Personen. Der Rotweinkeller, 2006 renoviert, zeigt zeitgenössische Elemente im historischen Sandsteingewölbe, und im angrenzenden Eiskeller, ursprünglich von Neumann als Kühlraum der Residenz gedacht, reifen Rotweine in kleinen Barrique-Fässern.



Wer den knapp 60 Meter langen Geschichtstunnel durchquert, der Nord- und Südflügel verbindet, legt dabei mehr als 875 Jahre zurück: vom Gründungsjahr des Hofkellers 1128 über die bischöfliche, fürstbischöfliche und königlich-bayerische Zeit bis zum heutigen Staatlichen Hofkeller.
Das Schwedenfass und der Jahrtausendwein
Keine Geschichte aus diesem Keller wird so oft erzählt wie die vom Schwedenfass. 1631, als schwedische Truppen im Dreißigjährigen Krieg auf Würzburg vorrückten, vergruben die Bürger ihren als außergewöhnlich geltenden Jahrgang 1540 aus der Lage Würzburger Stein, flaschenweise, im Gramschatzer Wald. Die genauen Koordinaten des Verstecks gingen verloren. Erst 1684 wurden die verbliebenen Flaschen zufällig wiederentdeckt, Fürstbischof Konrad Wilhelm von Wernau ließ daraufhin ein eigenes Fass dafür anfertigen, eben jenes Schwedenfass, das bis heute im Beamtenfasskeller steht, mittlerweile leer, nachdem König Ludwig II. von Bayern den Inhalt in Flaschen abfüllen und verkaufen ließ, um seine Schlossbauten zu finanzieren. Bei einer Verkostung 1966 stellte sich heraus: Eine der erhaltenen Flaschen war tatsächlich noch trinkbar.

Der Kellerpilz an der Decke
Wer mit der Taschenlampe an manchen Gewölbedecken entlangleuchtet, entdeckt einen feinen, dunklen Belag, der auf den ersten Blick wie Schmutz wirkt, aber etwas anderes ist: den sogenannten Kellerpilz, ein Mikroorganismus, der sich in alten Weinkellern von den Alkoholdämpfen ernährt, die beim Reifen und Verdunsten aus den Fässern entweichen. Bei einer Luftfeuchtigkeit von rund 80 Prozent, wie sie im Residenzweinkeller herrscht, findet dieser Belag ideale Bedingungen. Winzer und Kellermeister sehen darin traditionell kein Problem, sondern eher ein Gütesiegel: Wo der Pilz wächst, wird seit Generationen Wein gelagert, und die konstanten klimatischen Verhältnisse, die ihn entstehen lassen, kommen auch dem Wein selbst zugute.



Kellerrecht und Bühne für Bayerns Faschingssendung
Am Ende der historischen Kellertreppe, dem ältesten Zugang zum Weinkeller, erwartet Besucher seit jeher das sogenannte Kellerrecht: ein Ölgemälde aus dem späten 18. Jahrhundert mit den Verhaltensregeln, die im Keller zu gelten hatten. In gereimter Form heißt es dort sinngemäß, Zanken, Fluchen und das Klopfen an die Fässer seien „hier durchaus nicht geziemet“. Wie ernst diese Regeln heute genommen werden, entscheidet sich meist erst nach dem zweiten Glas.




Dass der Keller auch im 21. Jahrhundert Bühne bleibt, zeigte sich 2023, als die „Närrische Weinprobe“ des Bayerischen Fernsehens für ihre Faschingssendung aus dem Beamtenfasskeller sendete.
Pate für ein Stück Weltkulturerbe werden
Der Stückfasskeller gilt vielen als das Herzstück des gesamten Weinkellers und ist entsprechend eng mit dem UNESCO-Status der Residenz verknüpft. Wer eine Fasspatenschaft übernimmt, unterstützt damit unmittelbar den Erhalt dieses Weinkulturerbes: Der Staatliche Hofkeller fertigt für Fasspaten ein individuelles Stückfass an, benannt nach der Person oder dem Unternehmen, und öffnet die Türen zu exklusiven Club-Veranstaltungen im historischen Gewölbe. Kapazität pro Anlass: vier Personen, was der Sache eine fast private, intime Note gibt. Ansprechpartner beim Hofkeller ist Holger Fehrer (Telefon 0931-3050930).


Ein Weltkulturerbe, das auch nach unten reicht
Seit 1981 zählt die Würzburger Residenz mit Hofgarten und Residenzplatz zum UNESCO-Weltkulturerbe, als eine der bedeutendsten Barockanlagen nördlich der Alpen. Anders als bei vielen Baudenkmälern endet der Schutzstatus hier nicht an der Kellertür: Weil Neumann die Gewölbe von Anfang an als konstruktiven und funktionalen Teil des Gesamtbauwerks plante, zählen sie ausdrücklich zum geschützten Erbe dazu, nur eben unterirdisch statt in der sichtbaren Fassade. Wer durch die Kellergänge geht, bewegt sich damit tatsächlich innerhalb der Welterbestätte, nicht nur in ihrer Nachbarschaft.
Praktische Informationen für den Besuch
Öffentliche Kellerführungen finden von März bis Dezember statt, freitags um 16 und 17 Uhr sowie samstags und an bundesweiten Feiertagen stündlich von 11 bis 17 Uhr. Eine Führung dauert etwa 45 Minuten und schließt ein Glas Wein (0,1 Liter) mit ein. Sonntags bleibt der Keller geschlossen, ebenso im Januar und Februar. Treffpunkt ist der Frankonia-Brunnen auf dem Residenzplatz. Der Eintritt liegt bei 13 Euro pro Person, Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre haben freien Eintritt (ohne Wein).
Karten und Buchung: www.hofkeller.de/Veranstaltungen
Aktueller Veranstaltungskalender 2026 zum Download: über die Veranstaltungsseite des Staatlichen Hofkellers
Telefonische Auskunft: 0931 30509-31
