Hohenschönhausen – Wo die Stasi Orte & Menschen unsichtbar machte
Genslerstraße 66 in Berlin-Hohenschönhausen [SiSt24-Media] Hinter Mauern, Toren und einem weitläufigen Sperrgebiet befand sich bis 1989 das zentrale Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit. Auf den offiziellen Stadtplänen der DDR war der Ort nicht verzeichnet. Selbst viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung wussten nicht, was sich auf dem abgeschirmten Gelände abspielte. Heute erinnert dort die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen an politische Verfolgung, systematische Isolation und die Methoden einer Diktatur, die ihre Gegner möglichst geräuschlos aus der Öffentlichkeit verschwinden ließ.



Die Geschichte des Geländes begann nicht mit der Staatssicherheit. Im Mai 1945 beschlagnahmte die sowjetische Besatzungsmacht die frühere Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und richtete dort das Speziallager Nr. 3 ein. Mehr als 16.000 Männer, Frauen und Jugendliche durchliefen das Lager. Zeitweise waren über 4.000 Menschen gleichzeitig unter katastrophalen Bedingungen eingesperrt. Mangelnde Versorgung, schlechte hygienische Verhältnisse und fehlende medizinische Hilfe kosteten zahlreiche Gefangene das Leben.
Nach der Auflösung des Speziallagers entstand 1947 im Keller der ehemaligen Großküche ein zentrales sowjetisches Untersuchungsgefängnis. Häftlinge mussten die fensterlosen Zellen selbst errichten. Wegen seiner Lage und der bedrückenden Atmosphäre erhielt der Trakt später den Namen „U-Boot“. Die feuchten Räume waren anfangs kaum belüftet und nur mit einer Holzpritsche sowie einem Kübel ausgestattet. Eine Glühbirne brannte Tag und Nacht. Ohne Tageslicht, Uhr oder regelmäßige Abläufe verloren die Gefangenen jedes Zeitgefühl. Verhöre fanden häufig nachts statt und waren in den ersten Jahren auch von Drohungen und körperlicher Gewalt geprägt.



1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit die Haftanstalt. Bis 1960 nutzte es weiterhin das U-Boot. Anschließend entstand ein moderner Gefängnisneubau mit Zellen, Vernehmungszimmern, Überwachungsräumen und einem ausgeklügelten System zur vollständigen Trennung der Gefangenen. Von 1945 bis zum Ende der SED-Diktatur waren auf dem Gelände insgesamt rund 40.000 Menschen inhaftiert.
Mit dem Neubau veränderten sich die Methoden. Sichtbare Gewalt trat zunehmend in den Hintergrund, psychischer Druck gewann an Bedeutung. Isolation, fehlende Orientierung, nächtliche Verhöre und die ständige Ungewissheit über das eigene Schicksal bestimmten den Alltag. Die Gefangenen sollten weder wissen, wo sie sich befanden, noch anderen Inhaftierten begegnen. Signale an den Gangdecken zeigten den Wachleuten an, wann ein Flur gesperrt werden musste. Transporte und Bewegungen innerhalb des Gebäudes folgten einem minutiösen Ablauf.



Selbst der tägliche Hofgang fand einzeln statt. Dafür standen schmale Betonverschläge zur Verfügung, die nach oben mit Gittern abgeschlossen waren. Die Häftlinge bezeichneten sie als Tigerkäfige. Gespräche, Zurufe oder auch nur ein kurzer Blickkontakt mit anderen Gefangenen sollten verhindert werden. Der Mensch blieb mit seiner Angst, seinen Gedanken und den Fragen nach der eigenen Zukunft allein.
Auch die Gefangenentransporte dienten der Desorientierung. Unauffällige Lieferwagen brachten die Festgenommenen nach Hohenschönhausen. Von außen wirkten die Fahrzeuge wie gewöhnliche Versorgungswagen, im Inneren befanden sich jedoch enge, fensterlose Einzelkabinen. Um Weg und Ziel zu verschleiern, fuhren die Fahrer mitunter Umwege durch Berlin. Viele Gefangene wussten bei ihrer Ankunft nicht, in welchem Teil der Stadt sie festgehalten wurden. Manche erfuhren den Ort ihrer Haft erst nach der Entlassung.
Die Vernehmungszimmer des 1960 eröffneten Neubaus entsprechen kaum dem verbreiteten Bild eines düsteren Folterkellers. Teppichboden, Schreibtisch, Stühle und Lampen vermittelten auf den ersten Blick den Eindruck eines gewöhnlichen Büros. Gerade diese scheinbare Normalität gehörte zum System. In den unscheinbaren Räumen wurden Menschen über Wochen oder Monate verhört, unter Druck gesetzt und mit sorgfältig vorbereiteten Fragen konfrontiert. Die Vernehmer verfügten über persönliche Informationen, kannten familiäre Verhältnisse und nutzten Hoffnungen ebenso gezielt wie Ängste.



Viele Häftlinge hatten versucht, die DDR zu verlassen, politische Kritik geäußert oder Kontakte in den Westen unterhalten. Andere waren nach gescheiterten Fluchtversuchen festgenommen worden. Ein rechtsstaatliches Verfahren mit einer unabhängigen Verteidigung existierte nicht. Die Untersuchungshaft diente nicht allein der Aufklärung eines vermeintlichen Delikts. Sie sollte Geständnisse hervorbringen und den Widerstand der Betroffenen brechen.
Eine besondere Bedeutung besitzen die Führungen durch die Gedenkstätte. Neben Historikern begleiten ehemalige politische Häftlinge die Besucher durch Zellen, Gänge und Vernehmungsräume. Ihre Erinnerungen geben dem historischen Ort eine persönliche Dimension, die sich mit Ausstellungstafeln allein nicht vermitteln lässt. Nüchtern geschilderte Einzelheiten über Haft, Isolation und Verhöre wirken oft stärker als jede nachträgliche Dramatisierung.
Nach der Friedlichen Revolution wurde die Haftanstalt geschlossen. Seit 1994 ist das Gelände für Besucher zugänglich, im Jahr 2000 entstand die Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Große Teile der früheren Haftanstalt blieben erhalten. Die Zellen und Vernehmungsräume lassen sich nur im Rahmen einer Führung besichtigen.
Hohenschönhausen zeigt, dass staatliches Unrecht nicht zwangsläufig laut und chaotisch auftreten muss. Hinter verschlossenen Toren funktionierte ein System aus Transportplänen, Kontrollsignalen, Vernehmungsprotokollen und sorgfältig organisierter Isolation. Gerade die bürokratische Ordnung machte die Verfolgung so wirksam. Die Gedenkstätte bewahrt deshalb nicht nur die Erinnerung an die Gefangenen. Sie zeigt auch, wie leise eine Diktatur arbeiten kann, solange niemand von außen hinsieht.
