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Die Borstei: Wie ein Maurer die Architekten blamierte

Ende 1922 kaufte der Münchner Bauunternehmer Bernhard Borst ein 90.000 Quadratmeter großes Grundstück an der Dachauer Straße. Er wollte dort Baumaterial lagern, mehr nicht. Dann änderte er den Plan, und aus dem Lagerplatz wurde eine der eigenwilligsten Wohnsiedlungen Deutschlands.

Borst war kein studierter Architekt. Er hatte eine Maurerlehre gemacht und die Baugewerkschule besucht, das war es. Trotzdem schrieb er einen Architekturwettbewerb aus, sechzig Entwürfe wurden im Glaspalast ausgestellt, keiner überzeugte die Jury. Also entwarf Borst die Siedlung selbst, ab 1927 mit Unterstützung des Architekten Oswald Bieber. Ein Bauunternehmer, der sechzig Fachleuten die Show stiehlt, das ist entweder Selbstüberschätzung oder tatsächlich Talent. In der Borstei, gebaut zwischen 1924 und 1929 im Münchner Stadtteil Moosach, spricht vieles für Letzteres.

778 Wohnungen entstanden, dazu 14 Läden und ein Café, gruppiert um Innenhöfe und verbunden durch Torbögen und Durchgänge. Was heute nach Investoren-Prospekt klingt, war 1925 tatsächliche Ausstattung: Zentralheizung, warmes Wasser rund um die Uhr, Telefon, Gasherd, Parkett, Bad mit Bidet, beheizte Garagen, eigene Räume zum Teppichklopfen, ebenerdige Abstellräume für Fahrräder und Kinderwagen, Spielplätze in den Höfen. Im Rosengarten der Siedlung stand Deutschlands erstes Heizwerk für eine ganze Wohnanlage. Wer heute in München eine Neubauwohnung ohne Balkon besichtigt, darf sich fragen, wann genau der Fortschritt angehalten hat.

Wer mehr wissen will, muss Geduld mitbringen: Das Borsteimuseum hat keine festen Öffnungszeiten. Wer Interesse hat, schreibt eine Mail an post@borstei-museum.de und wartet auf einen Termin, ganz so, wie man es sich vor hundert Jahren in einer Nachbarschaft ohne Terminbuchungssystem vorstellen würde.

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