BMW Group Classic: Besuch an der Moosacher Straße 66 in München

Ein Torbogen aus hellem Putz, darüber eine Uhr, darunter in nüchternen Großbuchstaben: Bayerische Motoren Werke. Wer an der Moosacher Straße 66 in München durch dieses Tor geht, betritt keinen Themenpark. Er betritt einen Betrieb, in dem gearbeitet wird – nur eben an Autos, die älter sind als die meisten Leute, die sie warten.

Ein Standort mit Vorgeschichte

Die Adresse ist mit Bedacht gewählt. Auf dem 13.000 Quadratmeter großen Areal im Stadtteil Milbertshofen stand eine der ersten Produktionshallen des Unternehmens; BMW selbst spricht vom ersten Münchner Werk. Die Halle mit ihren charakteristischen Rundbogenfenstern steht heute unter Denkmalschutz und behauptet sich neben den gläsernen Neubauten überraschend gut. Zwischen den beiden Bauepochen liegen gut hundert Jahre, und man sieht ihnen an, dass hier niemand versucht hat, den Unterschied zu kaschieren.

2016 hat die BMW Group Classic den Umzug hierher abgeschlossen. Damit kam zusammen, was zuvor über München verstreut war: das Unternehmensarchiv, die historische Fahrzeugsammlung, die Werkstatt sowie das Kundenzentrum samt Teileservice für klassische Automobile und Motorräder. Zur Konzernzentrale, zur BMW Welt, zum BMW Museum und zum Werk sind es jeweils nur wenige hundert Meter – geografisch wie inhaltlich eine logische Nachbarschaft.

Die Werkstatt hinter Glas

Der eigentliche Blickfang ist die Verglasung der Werkstatt. Wer im Classic Café sitzt, schaut den Mechanikern zu, und zwar nicht bei einer Vorführung, sondern bei echten Kundenaufträgen. Das BMW Group Classic Center übernimmt Pflege, Wartung, Reparatur und Restaurierung klassischer Fahrzeuge des Hauses, mit erklärtem Schwerpunkt auf Originalität. Vom Vorkriegsmodell über die Nachkriegslimousine bis zum Rennwagen liegt hier auf den Bühnen, was der Kalender gerade hergibt.

Für Klassikerbesitzer ist allerdings ein anderer Bereich mindestens ebenso interessant: die Ersatzteilversorgung. Der Teilebestand für historische BMW Automobile und Motorräder umfasst nach Unternehmensangaben mehr als 55.000 Positionen. Wer schon einmal versucht hat, ein Kleinteil für ein Fahrzeug aus den Sechzigern aufzutreiben, weiß, was diese Zahl praktisch bedeutet. Ergänzt wird das durch ein Netz zertifizierter BMW Classic Partner und durch das Unternehmensarchiv, aus dem sich unter anderem die Fahrzeughistorie einzelner Exemplare belegen lässt.

Foyer mit Ansage

Im Eingangsbereich wird der Besucher nicht mit Zurückhaltung empfangen. Unter dem Schriftzug Willkommen steht ein schwarz-gelb folierter MINI im Renntrimm, Startnummer am Kotflügel, daneben eine rot lackierte Tanksäule aus den Fünfzigern, die nach einer sehr gründlichen Restaurierung aussieht. Es ist die Art von Arrangement, die man in einem Museum als plakativ bezeichnen würde und die hier einfach passt, weil man durch die nächste Scheibe ohnehin auf eine Hebebühne blickt.

Weiter hinten im Gebäude hängt dann etwas, das in keinem Konzept aufgetaucht sein dürfte: eine alte Stechuhr im Holzgehäuse, montiert an einer weiß gestrichenen Wand neben einer Tür. Solche Details erzählen mehr über die Kontinuität eines Standorts als jede Ausstellungstafel.

Rund 1.400 Fahrzeuge – aber nicht frei zugänglich

Kernstück der BMW Group Classic ist die Historische Sammlung mit rund 1.400 Objekten. Dazu zählen Serienautomobile und Motorräder ebenso wie Flug- und Bootsmotoren, Rennsport- und Konzeptfahrzeuge sowie die Art Car Collection. Vertreten sind neben BMW auch MINI und Rolls-Royce sowie Vorgängermarken wie Dixi und Glas. Ein Expertenteam entscheidet in regelmäßigen Abständen neu, welche Fahrzeuge die inzwischen über hundertjährige Unternehmensgeschichte repräsentieren sollen.

Wichtig für die Planung: Anders als das BMW Museum ist die Sammlung kein Haus, in das man spontan hineinspaziert. Zugang gibt es über Führungen. Diese dauern rund sechzig Minuten, finden auf Deutsch oder Englisch statt und sind auf maximal zwanzig Personen pro Gruppe begrenzt. Die Preise richten sich nach dem gewählten Thema und werden bei der Buchung genannt. Gebucht wird über das Ticketsystem der BMW Welt. Wer nur einen Kaffee trinken und in die Werkstatt schauen möchte, kommt auch ohne Führung ans Ziel – das Classic Café ist der niedrigschwellige Einstieg, inklusive Snacks und Mittagsgerichten.

Auch für Sachverständige und Techniker interessant

Für alle, die beruflich mit Fahrzeugtechnik zu tun haben, ist der Standort aus einem weiteren Grund lohnend. Hier lässt sich in kurzer Zeit nachvollziehen, wie sich Antriebs-, Karosserie- und Sicherheitstechnik über ein Jahrhundert entwickelt haben – vom Flugmotor über den Boxer bis zu Konzeptfahrzeugen, die nie in Serie gingen. Wer täglich mit aktueller Hochvolttechnik arbeitet, bekommt hier einen brauchbaren Maßstab dafür, wie schnell aus Innovation Geschichte wird. Ergänzend bietet das Haus Event- und Tagungsräume an, was den Standort auch für Schulungen und Fachveranstaltungen in Frage kommen lässt.

Die Pointe steht draußen auf dem Parkplatz

Vor dem Eingang parkte an diesem Nachmittag ein britischer Roadster mit Froschaugen-Scheinwerfern, dunkelgrün, Münchner Kennzeichen, Rallye-Aufkleber am Kotflügel. Ein paar Meter dahinter ein fabrikneuer BMW aus dem laufenden Programm. Niemand hat das arrangiert, und genau deshalb funktioniert es: Klassiker sind hier keine Exponate, sondern Verkehrsteilnehmer.

Dass ein Konzern seine eigene Vergangenheit nicht in eine Lagerhalle am Stadtrand auslagert, sondern an den Ort zurückholt, an dem alles angefangen hat, ist die eigentliche Leistung dieser Adresse. Man merkt es an der Selbstverständlichkeit, mit der hier geschraubt, archiviert und Espresso ausgeschenkt wird.

Adresse: BMW Group Classic, Moosacher Straße 66, 80809 München. Erreichbar mit der U3, Parkplätze auf dem Gelände sind nur begrenzt vorhanden.

Text und Fotos: Stefan Siedler / SiSt24 Media

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