Landschaftspark Duisburg-Nord Die Hütte lebt: Duisburgs totes Stahlwerk ist der lebendigste Ort im Revier

D-Duisburg [SiSt24 Media] Der Landschaftspark Duisburg-Nord liegt im Duisburger Norden und ist ganzjährig frei zugänglich. Ein Werktag im Sommer. Der Landschaftspark Duisburg-Nord macht aus einem stillgelegten Hüttenwerk den wohl ungewöhnlichsten Freizeitpark Deutschlands. Auf der Abstichbühne von Hochofen 5 stehen Besucher, wo bis 1985 flüssiges Roheisen mit über 1.400 Grad in die Pfannenwagen lief. Heute läuft hier nichts mehr außer Turnschuhen. Und ganz nebenbei stellt er aus, was das fossile Zeitalter der Region hinterlassen hat: oben Rost mit Aussicht, unten eine Rechnung, die nie beglichen sein wird.

Landschaftspark Duisburg-Nord: Vom Abrisskandidaten zum Denkmal

Juli 2026 – SiSt24 Media Duisburg-Meiderich: Das Hüttenwerk Meiderich produzierte von 1902 bis 1985 Roheisen, zuletzt gehörte es zur Thyssen AG. Nach der Stilllegung stand der übliche Reflex im Raum: plattmachen, Gewerbegebiet, Geschichte entsorgt. Eine Bürgerinitiative stellte sich quer, und die Internationale Bauausstellung Emscher Park machte aus dem Streitfall ein Modellprojekt. Der Landschaftsarchitekt Peter Latz entwickelte in den 1990er Jahren einen Plan, der damals Kopfschütteln auslöste und heute in Fachbüchern weltweit zitiert wird: Die Anlage bleibt stehen. Nicht als museale Vitrine, sondern als benutzbare Landschaft. Birken wurzeln in Bunkerkronen, Gärten wachsen in ehemaligen Erzlagern, und wo früher Werksbahnen rangierten, rollen heute Fahrräder. Rund 180 Hektar, ganzjährig geöffnet, Eintritt frei.

Klettern im Erzbunker, Tauchen im Gasspeicher

Was den Landschaftspark Duisburg-Nord von anderen Industriedenkmälern unterscheidet, ist die Selbstverständlichkeit, mit der er benutzt wird. Der Deutsche Alpenverein hat in den Erzlagerbunkern einen der größten Outdoor-Klettergärten des Landes eingerichtet, die Betonwände bieten Routen vom Anfängerniveau bis zur Leistungsgrenze. Durch die alte Gießhalle zieht sich ein Hochseilparcours. Die Kraftzentrale, in der einst Großgasmaschinen mit gereinigtem Gichtgas liefen, füllt sich heute zu Konzerten, Messen und Theaterproduktionen.

Die eigenwilligste Nachnutzung steckt im Gasometer von 1920. Der ehemalige Nassgasspeicher fasst statt Gichtgas inzwischen 21 Millionen Liter Wasser und ist mit 45 Metern Durchmesser und 13 Metern Tiefe das größte Indoor-Tauchgewässer Europas. Am Grund liegen ein künstliches Riff, das Wrack einer Motoryacht, ein Flugzeugrumpf und zwei Autos. Samstags und sonntags läuft der öffentliche Tauchbetrieb für Brevetinhaber, Schnupperkurse holen Neugierige ab, und auch Feuerwehr und Polizei trainieren hier ihre Unterwassereinsätze. Die Sichtweite erreicht bis zu 25 Meter, davon können die meisten Baggerseen der Republik nur träumen.

Wer es ruhiger mag, steigt auf Hochofen 5. Die Aussichtsplattform in rund 70 Metern Höhe zeigt das Revier im Panorama, bei klarer Luft bis nach Düsseldorf. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelt an den Wochenenden die Lichtinstallation des britischen Designers Jonathan Park die Anlage in ein Farbspiel aus Blau, Rot und Grün. Dann stehen auf den Bühnen mehr Stative als Menschen.

Die Rechnung unter dem Rasen

So charmant die Umnutzung gelungen ist, so wenig lässt sich verdrängen, wofür dieser Ort steht. Kohle und Koks haben nicht nur Duisburgs Hochöfen befeuert, sondern über anderthalb Jahrhunderte auch die Atmosphäre. Orte wie dieser haben die Klimalage mit angeheizt, über die heute weltweit verhandelt wird. Der Park ist damit beides zugleich: gelungene Rettung eines Baudenkmals und Mahnmal einer Wirtschaftsweise, deren Folgekosten gerade erst anlaufen.

Denn der Bergbau hat eine zweite Hinterlassenschaft, die kein Besucher sieht. Der Kohleabbau hat die Erdoberfläche des Reviers stellenweise um bis zu 25 Meter absinken lassen, die Essener Innenstadt liegt heute 16 Meter tiefer als vor dem Bergbau. Bäche und Grundwasser können in diesen Senkungsgebieten nicht mehr frei abfließen. Ohne dauerhaftes Pumpen stünde fast ein Fünftel des Ruhrgebiets unter Wasser. Pumpwerke heben jährlich rund 800 Millionen Kubikmeter Wasser an mehr als 600 Stationen an die Oberfläche, rechnet man den linken Niederrhein hinzu, nähert sich die Menge der Milliardenmarke. Poldermaßnahmen und Grubenwasserhaltung gehören zu den sogenannten Ewigkeitsaufgaben des Steinkohlenbergbaus, finanziert aus dem Vermögen der RAG-Stiftung. Der Begriff ist keine Übertreibung, gepumpt werden muss, solange hier Menschen wohnen.

Duisburg liegt dabei nicht am Rand des Problems, sondern mittendrin. Allein der Stadtteil Walsum hängt an Pumpen, die 20 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr fördern, weil der Ort unter dem Rheinpegel liegt. Der Landschaftspark selbst steht im Senkungsgebiet der Alten Emscher, also auf künstlich entwässertem Polderland. Fachleute der Technischen Hochschule Georg Agricola beschreiben nüchtern, was ein Abschalten der Polderpumpen bedeuten würde: Vernässungen und Seen binnen Stunden bis weniger Tage, in größeren Teilen des Reviers. Man darf die Pointe ziehen: Das Tauchrevier wäre dann nicht mehr auf den Gasometer beschränkt.

Ein Park als Lehrstück

Genau diese Doppelbödigkeit macht den Landschaftspark Duisburg-Nord zum lohnendsten Ausflugsziel der Industriekultur. Er zeigt, wie viel Zukunft in einer Ruine stecken kann, wenn man sie nicht wegräumt, sondern ernst nimmt. Und er erinnert daran, dass jede Tonne geförderter Kohle zwei Rechnungen hinterlassen hat, eine in der Atmosphäre und eine im Grundwasser. Beide laufen weiter, auch wenn oben längst gepicknickt wird.

Der Besuch kostet nichts, das Gelände ist rund um die Uhr zugänglich. Anreise über die A42, Abfahrt Duisburg-Neumühl, oder mit der Straßenbahnlinie 903. Klettern, Hochseilparcours und Tauchen sind kostenpflichtige Angebote der jeweiligen Betreiber. Für Fotografen empfiehlt sich die blaue Stunde am Freitag- oder Samstagabend, wenn die Lichtinstallation läuft.

Ähnliche Beiträge