|

Vom Kartoffelknödel zum Kreativquartier: Das Werksviertel hat die Duftnote gewechselt

D-München [SiSt24 Media] Wo heute Streetart-Wände und ein schwarz verkleideter Büroturm namens Werksviertel-Mitte in den Himmel ragen, roch es fünfzig Jahre lang nach gekochten Kartoffeln und Zweitaktöl. Das Gelände hinter dem Ostbahnhof war Industriegebiet, keine Kulisse für Fotoshootings.

1949 gründete Werner Eckart hier die Pfanni-Werke, die binnen weniger Jahre zu einem der größten Kartoffelverarbeiter Europas wurden. Erst kamen die Kartoffelpuffer, 1950 der Kartoffelknödel, 1959 das Kartoffelpüree. Direkt nebenan produzierten die Optimol-Werke Motorenöl, unter anderem das Zweitaktgemisch, das Generationen von Mopedfahrern durch die Stadt trug. Dazu kamen der Bekleidungshersteller Konen und die Motorradfirma Zündapp. Ein Viertel, das nach Frittierfett und Motorenabgasen roch, mitten in München.

1996 zog auf dem alten Pfanni-Gelände der Kunstpark Ost ein, zeitweise der größte Clubkomplex Deutschlands, mit bis zu 250.000 Besuchern im Monat. Ab 2003 übernahm die Eventfabrik GmbH den verkleinerten Nachfolger namens Kultfabrik. 2015 war endgültig Schluss, Kultfabrik, Optimol-Werke und die übrigen Kulturbetriebe mussten dem neuen Werksviertel weichen, das seit 2016 gebaut wird und 2023 den Deutschen Städtebaupreis gewann.

Von der alten Pfanni-Verwaltung aus dem Jahr 1955 steht immerhin noch etwas: Das Gebäude wurde saniert und firmiert heute als WERK1, ein Gründungszentrum für Digitalunternehmen. Wo früher Kartoffeln geschält wurden, werden jetzt Businesspläne geschrieben, was man als Fortschritt oder als hübsch verpackte Verdrängung lesen kann, je nach Tagesform.

Der Geruch ist jedenfalls weg. Was bleibt, sind ein paar Fassaden, ein Name, der niemandem mehr etwas sagt, wenn er nicht gerade Motoröl-Nostalgiker ist, und ein Viertel, das sich neu erfunden hat, ohne seine Herkunft ganz zu verstecken.

Ähnliche Beiträge