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Rothenburg wird zur Reichsstadt: Geschichte zwischen Fackeln und Feuer

D-Rothenburg o.d. Tauber [SiSt24 Media] Wenn Ritter, Landsknechte, Bürgerfrauen und Spielleute durch Rothenburg ob der Tauber ziehen, übernehmen vergangene Jahrhunderte die Altstadt. Bei den Reichsstadt-Festtagen wird die Stadtgeschichte nicht hinter Glas präsentiert. Sie begegnet den Besuchern auf Straßen und Plätzen, in historischen Lagern, im Rathaus und selbst unter der Erde.

Den Ausgangspunkt bildet das Jahr 1274. König Rudolf von Habsburg verlieh Rothenburg das Reichsstadtprivileg. Die Stadt erhielt damit besondere Rechte und entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelsplatz im Heiligen Römischen Reich. Wohlstand und politischer Einfluss nahmen zu. Zeitweise lebten mehr als 6.000 Menschen in Rothenburg, das damit zu den größeren Städten seiner Epoche gehörte.

Die Reichsstadtzeit endete 1802 mit der Eingliederung in das Kurfürstentum Bayern. Dazwischen lagen mehr als fünf Jahrhunderte mit wirtschaftlichem Aufstieg, politischen Auseinandersetzungen, Kriegen und gesellschaftlichen Veränderungen. Genau diese Bandbreite greifen die Reichsstadt-Festtage auf. Sie beschränken sich weder auf das Mittelalter noch auf eine einzelne Schlacht.

Mehr als 1.000 Mitwirkende aus Rothenburg und der Region beteiligen sich an dem historischen Wochenende. Viele gehören Vereinen an, die sich jeweils einer bestimmten Epoche, Bevölkerungsgruppe oder einem früheren Berufsstand widmen. Ritter treffen auf Bauern, Pikeniere auf Spielleute und Bürgerfrauen auf bewaffnete Truppen aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Der große Fackelzug bildet traditionell den Auftakt. Die historischen Gruppen sammeln sich an der Doppelbrücke unterhalb der Stadt und ziehen gemeinsam durch die Tore hinauf zum Marktplatz. Im Schein der Fackeln verschwimmen für einen Abend die Grenzen zwischen der erhaltenen Altstadt und ihrer Inszenierung. Eine Feuer- und Lichtshow am Rathaus beschließt den Einzug.

An den folgenden Tagen verteilen sich Lager und Vorführungen über die gesamte Innenstadt. Vor dem Rödertor zeigen historische Gruppen mittelalterliches Handwerk, Schaukampf und Lagerleben. Im Burggarten führen Pikeniere, Musketiere und Kanoniere ihre Waffen und Formationen vor. Gaukler ziehen durch die Gassen, während die Rothenburger Stadtpfeifferey auf historischen Instrumenten Musik aus Mittelalter und Renaissance spielt.

Die Feldmusterung auf dem Marktplatz gehört zu den größten Szenen des Wochenendes. Truppen aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs ziehen durch die Stadt und treten gemeinsam an. Dabei geht es weniger um eine militärisch exakte Rekonstruktion als um ein öffentliches Geschichtsbild, das Uniformen, Waffen, Musik und überlieferte Rollen zusammenführt.

Besondere Einblicke ermöglicht die Kummereck-Wacht im Wallgraben vor dem Galgentor. Dort befindet sich ein rund 500 Jahre alter unterirdischer Turmgang, der nur zu den Reichsstadt-Festtagen geöffnet wird. Abseits der bekannten Straßen und Plätze zeigt er eine Seite der Rothenburger Befestigungsanlage, die im gewöhnlichen Stadtbild verborgen bleibt.

Eng mit Rothenburg verbunden ist die Legende vom Meistertrunk. Im Jahr 1631 nahmen die katholischen Truppen des Feldherrn Johann T’Serclaes von Tilly die protestantische Reichsstadt ein. Der Überlieferung zufolge drohte Tilly, die Ratsherren hinrichten und Rothenburg zerstören zu lassen. Altbürgermeister Georg Nusch soll daraufhin einen Humpen mit dreieinviertel Litern Wein in einem Zug geleert und damit die Stadt gerettet haben.

Eine bemerkenswerte Geschichte – nur historisch belegt ist sie nicht. Zeitgenössische Berichte kennen den rettenden Trinkversuch nicht. Die Erzählung verbreitete sich erst deutlich später und erhielt durch den Rothenburger Glasermeister und Dichter Adam Hörber ihre bis heute bekannte Form. Sein Bühnenstück „Der Meistertrunk“ wurde 1881 erstmals aufgeführt.

Das Festspiel gehört vor allem zum Programm der Pfingstfestspiele, wird aber auch während der Reichsstadt-Festtage im Kaisersaal des Rathauses gezeigt. Damit ist der Meistertrunk ein Bestandteil des historischen Wochenendes, aber keineswegs dessen einziger Mittelpunkt. Während das Theaterstück eine einzelne Legende behandelt, führen die Festtage durch mehrere Jahrhunderte Rothenburger Geschichte.

Auch die Münzer des Historischen Festspiels beteiligen sich. An historischen Maschinen entstehen Nachbildungen alter Prägungen. Besucher können dabei selbst Hand anlegen und einen Rothenburger Kupferpfennig prägen. Andere Gruppen zeigen Korbflechterei, Schmiedearbeiten, historische Tänze oder stellen Gerichtsverhandlungen und Szenen aus dem früheren Bürgerleben nach.

Am Samstagabend richtet sich der Blick hinunter ins Taubertal. Bei „Rothenburg in Flammen“ erinnern Feuerwerk, Lichteffekte und bengalische Beleuchtung an die Belagerung während des Dreißigjährigen Kriegs. Die angestrahlte Stadtsilhouette erhebt sich über dem Tal, während das rote Licht symbolisch eine brennende Stadt darstellt. Einen besonders eindrucksvollen Blick auf das Geschehen bietet die Doppelbrücke.

Die Reichsstadt-Festtage sind deshalb weit mehr als ein Mittelaltermarkt vor malerischer Kulisse. Nicht Verkaufsstände bestimmen ihren Charakter, sondern die Rothenburger selbst. Historische Vereine, Musiker, Schauspieler, Handwerker und zahlreiche Helfer tragen die Geschichte ihrer Stadt hinaus auf die Straßen.

Dabei stehen historische Tatsachen, spätere Überlieferungen und bewusst inszeniertes Brauchtum nebeneinander. Die Reichsstadt ist Geschichte, der Meistertrunk eine Legende und das Festspiel eine Tradition des 19. Jahrhunderts. Zusammen ergeben sie jenes Bild von Rothenburg, das an diesem Wochenende für Besucher begehbar wird.

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