Der Johannisfriedhof Nürnberg: die Stadtgeschichte auf Stein und Bronze
Nürnberg (D) [SiSt24 Media] Seit mehr als 500 Jahren werden auf dem Johannisfriedhof Menschen bestattet. Seine liegenden Grabsteine folgen einem alten Maß, doch auf den Bronzetafeln erzählt fast jeder Stein eine andere Geschichte.
Wer den Nürnberger Johannisfriedhof betritt, sieht zunächst Reihen von Sandsteinen. Sie liegen dicht beieinander, dazwischen Blumen, schmale Wege und alte Bäume. Manche Namen sind weithin bekannt: Albrecht Dürer, Veit Stoß oder Willibald Pirckheimer. Die meisten gehören Menschen, die außerhalb ihrer Familie längst niemand mehr kennt. Gerade sie machen einen Rundgang interessant. Ihre Grabsteine erzählen, wie Nürnberg lebte, arbeitete und seiner Toten gedachte.

Überblick über die liegenden Grabsteine und Blumen.
Vom Siechenhaus zum Friedhof der Sebalder Stadtseite
Die Anfänge liegen vor der alten Stadtmauer. Im 13. Jahrhundert entstand in St. Johannis ein Siechenhaus für Kranke und Leprakranke. Sie wurden außerhalb der Stadt versorgt und bestattet. Im 14. Jahrhundert kam östlich davon ein Pestfriedhof hinzu.
Bis ins frühe 16. Jahrhundert fanden die meisten Nürnberger ihre letzte Ruhe noch bei den Kirchen innerhalb der Mauern. Seuchen und der knappe Platz veränderten das. Kaiser Maximilian I. ordnete am 31. Oktober 1518 an, Bestattungen nach außerhalb zu verlegen. Am 8. November beschloss der Nürnberger Rat, die innerstädtischen Begräbnisplätze zu schließen. Für die Sebalder Stadtseite wurde der bestehende Friedhof in St. Johannis erweitert; für die Lorenzer Seite stand der Rochusfriedhof zur Verfügung.
Heute misst der Johannisfriedhof etwa 3,8 Hektar und zählt rund 6.500 Gräber. Er ist ein geschützter historischer Ort, aber kein stillgelegtes Denkmal. Bis heute finden dort Bestattungen statt. Frische Blumen stehen neben jahrhundertealten Tafeln.
Drei mal sechs Werkschuh
Sein unverwechselbares Bild verdankt der alte Friedhofsteil einer Vorschrift des Rates. Ab etwa 1520 galt für die Grabsteine ein Maß von drei mal sechs Nürnberger Werkschuh, umgerechnet rund 84 mal 167 Zentimeter. Die Steine lagen auf dem Boden und wurden in ähnlicher Ausrichtung gesetzt. Steinschreiber führten die Grabbücher und kontrollierten die Maße. Ein historischer Maßstab hängt noch heute an der Holzschuherkapelle.



Der Gedanke dahinter war deutlich: Reichtum und gesellschaftliche Stellung sollten sich nicht durch die Größe des Grabsteins ausdrücken. Auch Albrecht Dürers Stein gehört in diese Ordnung. Sein Name macht ihn berühmt, seine Grundfläche hebt ihn nicht aus den alten Grabreihen heraus.
Völlig gleich sehen die Steine dennoch nicht aus. Ihre Formen wandelten sich über die Jahrhunderte. Einige erhielten gewölbte Oberseiten oder aufwendigere Profile. Nach späteren Erweiterungen waren auf neuen Flächen auch stehende Grabmale möglich. Das vorgeschriebene Maß erklärt vor allem die Wirkung der historischen Grabfelder.

mehrere liegende Steine in einer Reihe.
Die Unterschiede liegen in der Bronze
Wer nur auf die Reihen blickt, übersieht das Entscheidende. Auf den Sandsteinen sitzen Tafeln aus Bronze oder Messing, die Epitaphien. Nürnberger Rotgießer fertigten sie nach individuellen Entwürfen. Neben Namen und Lebensdaten zeigen sie Wappen, Hauszeichen, Werkzeuge und religiöse Motive. Ein einziges Handwerkszeichen kann verraten, womit ein Verstorbener seinen Lebensunterhalt verdiente.



Die Tafeln boten den Familien eine Möglichkeit, innerhalb der festen Steinmaße eigene Zeichen zu setzen. Manche blieben schlicht; andere wurden zu kleinen Kunstwerken voller Figuren und Ornamente. So entstand aus einer Regel für Gleichförmigkeit eine ungewöhnlich reiche Sammlung persönlicher Erinnerungen. Die Nürnberger Epitaphienkultur wird bis heute gepflegt und steht seit 2018 im Bayerischen Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes.

unterschiedlich gestaltete Tafeln auf einem Grabstein.
Was Grab 649 über Erinnerung erzählt
Die meistgesuchte Nummer auf dem Johannisfriedhof ist 649. Die Grabstätte gehörte der Familie Frey, der Familie von Albrecht Dürers Frau Agnes. Bereits vor dem Künstler wurden dort ihre Eltern bestattet. Nach Dürers Tod im Jahr 1528 verfasste sein Freund Willibald Pirckheimer eine lateinische Grabinschrift. 1681 kam auf Initiative des Malers Joachim von Sandrart eine weitere Tafel hinzu.
Dürers Gebeine befinden sich nicht mehr in der Grabstätte. Sie wurde 1651 geräumt und neu belegt; der Verbleib seiner sterblichen Überreste ist unbekannt. Der erhaltene Stein ist deshalb vor allem ein Ort der Erinnerung. Seine Tafeln zeigen zugleich, dass sich diese Erinnerung über Generationen veränderte.
Wer nach dem Besuch von Grab 649 weitergeht, begegnet anderen bekannten Namen, darunter dem Bildschnitzer Veit Stoß und dem Philosophen Ludwig Feuerbach. Doch die kleineren Geschichten stehen unmittelbar daneben. Dafür lohnt es sich, nicht nur die Wegweiser zu den berühmten Gräbern zu beachten, sondern auch die Tafeln dazwischen zu lesen.

Dürers Grabstein mit den später ergänzten Tafeln.
Kirche, Kapelle und spätere Erweiterungen
Die Johanniskirche erinnert an die frühen Jahre des Siechenhauses, dem sie zunächst als Gotteshaus diente. Östlich des historischen Gräberfelds steht die runde Holzschuherkapelle. Sie entstand im frühen 16. Jahrhundert als Nachfolgebau einer älteren Kapelle und wurde zur Grablege der Patrizierfamilie Holzschuher. Ihr Inneres ist nur bei einer Führung zugänglich.
Der Friedhof wuchs in den folgenden Jahrhunderten weiter. Besonders die Erweiterung im 19. Jahrhundert brachte andere Grabformen hervor. Am Westrand entstand eine neugotische Arkadenhalle. Sie zeigt, wie weit sich die spätere Grabgestaltung von den gleich großen liegenden Steinen des alten Teils entfernen konnte.

Holzschuherkapelle
Der Johannisfriedhof lässt sich kostenlos besuchen. Von April bis September ist er von 7 bis 19 Uhr geöffnet, von Oktober bis März von 8 bis 17 Uhr. Vom 6. Dezember bis zum 6. Januar schließen die Tore bereits um 16 Uhr. Für die bekannten Grabstätten reicht ein kurzer Rundgang. Wer die Inschriften und Bilder auf den Bronzetafeln betrachtet, entdeckt hier bei jedem Besuch eine andere Seite Nürnbergs.
